Die World Press Photos kommen 2019 erneut nach Oldenburg. Im Mittelpunkt steht wieder das Pressebild des Jahres – eine Aufnahme, die polarisieren wird.

Geradewegs voll auf die Zwölf. Ohne Umwege mittenrein. Dieses Foto kennt keine Gnade. Es ist brutal, grausam und schockierend. Und es ist das aktuelle Pressefoto des Jahres. Die Jury, die darüber bestimmt, hat sich – einmal mehr – für die spektakulärste Aufnahme unter den zur Auswahl stehenden entschieden. Und damit durchaus Kritik geerntet.

Ronaldo Schemidt, Mitarbeiter der französischen Nachrichtenagentur AFP, schoss sein Siegerbild am Rande heftiger Proteste gegen Venezuelas Präsidenten Maduro in Caracas. Ein Motorrad war in Brand aufgegangen, sein Tank explodiert – und José Víctor Salazar Balza hatte Feuer gefangen. Er habe sich umgedreht „und fotografiert, ohne zu sehen, was vor sich ging“, erinnert sich der in Mexiko lebende Fotograf. Balza überlebte die Feuerbrunst mit Verbrennungen ersten und zweiten Grades. 72 Prozent seiner Haut wurden geschädigt, 27-mal musste er operiert werden.

„Dieses Foto hat eine unmittelbare Energie. Die Farben, die Bewegung … und es ist sehr gut komponiert – es hat Kraft.“
Magdalena Herrera, Juryvorsitzende World Press Photo Contest 2018 und Director of Photography bei Geo France.

Das Foto symbolisiere „nicht nur einen brennenden Mann, sondern die Idee eines brennenden Venezuela“, sagte Jury-Mitglied Whitney C. Johnson zu der Entscheidung. Tatsächlich sind es immer wieder die besonders erschreckenden Aufnahmen, die unseren Blick auf die Brandherde der Welt lenken. So trugen Eddie Adams‘ und Nick Úts Fotos maßgeblich zum Ende des Vietnam-Krieges bei. Und so lange wir nicht selbst die Sensibilität für all das Unrecht auf der Welt aufbringen und dagegen vorgehen, brauchen wir solche Bilder, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

„Alles dauerte nur ein paar Sekunden, ich wusste nicht, was ich fotografiere. Das war reiner Instinkt. Ich hörte nicht auf, Bilder zu schießen, bis ich realisierte, was vor sich ging. Da rannte jemand brennend auf mich zu.“
Ronaldo Schemidt

2019 zeigen wir die World Press Photos bereits zum vierten Mal in Oldenburg. Dass das möglich ist und dass die Ausstellung im deutschen Nordwesten so rege Interesse findet, macht uns stolz. Und wir sehen es als Verpflichtung an, uns auch weiterhin intensiv mit den Bildern und den Inhalten, die sie verkünden zu beschäftigen.

Auch diesmal wird es Aufnahmen zu sehen geben, die ihre Betrachter um Fassung ringen lassen. Arbeiten, bei denen die Fotografen Leib und Leben riskiert haben, um zu dokumentieren, wie es um den Zustand der Welt bestellt ist. Und Bilder, die Hoffnung ausdrücken, Mut machen und Kraft geben. Es ist genau dieser Parforceritt zwischen Gut und Böse, der diese Ausstellung so einzigartig und sehenswert macht. Und der uns eben auch ein Foto wie das von Ronaldo Schemidt aushalten lässt.

Text: Claus Spitzer-Ewersmann
Foto: Ronaldo Schemidt, Agence France Press