Der Fotograf, der über Grenzen geht

Er habe "ziemlich Angst", wenn er unterwegs sei, sagt Kriegsfotograf Christoph Bangert

Früher berichtete er für die New York Times, den Stern und die Neue Zürcher Zeitung aus Afghanistan und dem Irak, heute zeigen seine Bilder Folgen der Reaktorkatastrophe von Fukushima. Leicht macht es sich Christoph Bangert wirklich nicht. Was ihn an seiner Arbeit reizt, darüber berichtet der Fotograf in seinem Vortrag „Der Krieg im Bild“.

Mutig? Nein, das sei er nicht, sagt Christoph Bangert. Er habe „sogar ziemlich Angst“, wenn er unterwegs sei. Die eigene Angst signalisiere ihm „Stop!“, wenn es zu heikel werde. Sie funktioniere wie ein Schutzmechanismus. Anders als andere lähme ihn die Angst aber nicht. „Ich kann dann noch arbeiten.“

Unterwegs sein – für Christoph Bangert hieß das lange Zeit, sich in Extremsituationen zu begeben. Er berichtete von den Schlachtfeldern im Nahen und Mittleren Osten, aus den schlimmsten Krisenregionen der Welt. Seine Aufnahmen zeigten Folteropfer und schwer Verletzte, aber auch Menschen, die mitten im Krieg trotz aller Zerstörungen versuchen, sich mit bunten Plastikblumen ein kleines Idyll zu bewahren. „Die Bilder können keine Kriege beenden, aber Menschen können Kriege beenden“, sagt Bangert. Dafür aber müssen sie die Fotos sehen, denn sie prägen uns, sie beeinflussen uns, sie steuern uns.

 

Das Surreale wird normal

Die Realität bewaffneter Auseinandersetzungen ist schrecklich und schockierend. Krieg hat keine schönen Momente zu bieten. Dennoch weiß Bangert: „Manchmal ist er auch seltsam und witzig.“ Er habe noch nie „so sehr gelacht wie im Krieg“. Weil der Krieg an sich aus einer Aneinanderreihung von Absurditäten bestehe. Weil er das Surreale zum Normalen mache.

Darf man das? Darf man dem Grauen eine heitere Seite abgewinnen? Darf man so weit über vermeintliche Grenzen gehen? Anders überlebe man solche Situationen nicht, lautet eine gängige These. Anders gehe man selbst kaputt, vor allem im Kopf. Christoph Bangert sieht es ähnlich: „Entweder du lachst, oder du stirbst.“ Er hat sich fürs Lachen entschieden. Und überlebt.

Pflicht und Verantwortung des Fotografen

Der in Köln lebende Bangert ist ein Fotograf der alten Schule. Sein Credo: „Unser Job ist es, das zu dokumentieren, was wir wir sehen, und bei dieser Dokumentation immer ehrlich und gründlich vorzugehen.“ Diese Philosophie durchzieht sein ganzes berufliches Leben. Er will abbilden, nicht beschönigen. In zwei Büchern hat er seine Zeit als Kriegsberichterstatter aufgearbeitet. Während „War Porn“ den Horror zeigt, ermuntert „Hello Camel“ gelegentlich sogar zum Schmunzeln. Bücher für Voyeuristen also, fragte ein Journalist im Interview. „Mag sein“, gab Bangert zur Antwort. „Aber das befreit uns nicht von der Pflicht und Verantwortung, uns mit dem Schicksal der Betroffenen auseinanderzusetzen.“

Foto: Christoph Bangert


Christoph Bangert: „Der Krieg im Bild“
Dienstag, 22. Februar 2018, 19 Uhr, Spielraum des Oldenburgischen Staatstheaters
Eintritt: 6 EUR, ermäßigt 4 EUR.

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