Auf Hoffnung folgt Resignation

Zwei Fotos, ein Thema: eine seltene Erkrankung.

Foto: Magnus Wennman

Schon mal vom Resignationssyndrom (RS) gehört? Ich bis vor kurzem auch nicht. Diese Krankheit betrifft weitestgehend Flüchtlingskinder in Schweden und ist bisher kaum erforscht. Doch es ist wichtig darüber zu sprechen. Das Thema wurde bereits zweimal in verschiedenen Jahren des World-Press-Photo-Wettbewerbs aufgegriffen.

Bevor ich das Foto „Erwachen“ von Tomek Kaczor im aktuellen Wettbewerbsjahrgang sah, hatte ich noch nie von der Krankheit RS gehört. Die Betroffenen können sich nicht bewegen, sprechen, essen oder trinken. Sie sind inkontinent und reagieren nicht auf Berührungen. Ein Koma-ähnlicher Zustand, aus dem sich die Kinder und Jugendlichen meist erst erholen, wenn eine Besserung der Lebensumstände eintritt. Ich finde die Vorstellung, dass Kinder sich mental und körperlich zwischen Leben und Tod befinden, unglaublich erschreckend. Selbst wenn sie nach Monaten oder Jahren wieder aufwachen, können sie nicht mehr aufstehen. Ihre Muskeln sind verkümmert, Alltägliches muss neu erlernt werden. Als Ursache für RS wird ein Trauma in Verbindung mit Stress und Depression vermutet. Ich mag mir nicht vorstellen, welche psychischen Belastungen diese Kinder erlitten haben müssen, um ihren Körper und Geist zur Aufgabe zu zwingen. Warum die Krankheit fast ausschließlich in Schweden vorkommt, ist unbekannt. Sie bricht jedoch meist infolge eines abgelehnten Asylantrags aus.

Von Land zu Land

Foto: Tomek Kaczor for Duzy Format Gazeta Wyborcza

Tomek Kaczor hat im aktuellen Wettbewerb mit seinem hochformatigen Porträtfoto der 15-jährigen, aus Armenien geflüchteten Ewa den 1. Preis in der Kategorie „Porträts“ gewonnen. Nur Kopf und Oberkörper sind zu sehen, die Hände ihrer Eltern liegen schützend auf Ewas Schultern und auf der Lehne ihres Rollstuhls. Auffällig ist die Sonde, die durch ihre Nase führt und sie offenbar ernährt. Sie erkrankte in Schweden, als ihre Familie dort Asyl suchte und eine Abschiebung nach Polen drohte. Die Familie wurde wenig später, trotz Ewas Krankheit, nach Polen in das Flüchtlingsaufnahmezentrum in Podkowa Leśna gebracht. Erst kurz bevor das Foto entstand ist die 15-Jährige nach etwa acht Monaten aus dem Koma-ähnlichen Zustand erwacht. Ihre gesundheitliche Verfassung hat sich verbessert. Ewa schaut direkt in die Kamera. Und dieser Blick ist es, der das Foto für mich besonders macht. Zuerst hatte ich das Gefühl, als schaute Ewa mir direkt in die Augen. Bei näherem Betrachten bin ich mir nicht mehr sicher. Schaut sie mich an oder durch mich hindurch? Weil ich vom Resignationssyndrom weiß, fällt es mir schwer einzuschätzen, wieviel sie von der Situation mitbekommt und was sie fühlt – ob sie etwas fühlt. Dass das Foto in schwarz-weiß gehalten ist, verstärkt diesen Eindruck. Keine Farben lenken von Ewas Gesicht ab. Der Kontrast ihrer hellen Haut zu den dunklen Haaren und Augenringen hat etwas Gespenstisches. Obwohl sie keine Miene verzieht, hat das Leid Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen.

Jahre ohne Besserung

Auch das 2017 aufgenommene Foto von Magnus Wennman thematisiert RS. Es zeigt zwei Flüchtlingsmädchen in Schweden, die beide erkrankt im Bett liegen. Durch eine Magensonde werden sie am Leben gehalten. Das Foto gewann 2018 den 1. Preis in der Kategorie „Menschen“. Der Fokus liegt auf dem rechten Mädchen, Djeneta. Sie befindet sich seit zweieinhalb Jahren in einem Koma-ähnlichen Zustand. Das Mädchen, welches leicht unscharf links neben ihr abgebildet ist, ist ihre Schwester Ibadeta, die seit sechs Monaten erkrankt ist. Beide sind Roma-Flüchtlinge aus dem Kosovo und nun in Horndal in Schweden untergebracht. Die bunten Bettbezüge wirken deplatziert neben den blassen Mädchen und den schmutzigen Wänden im Hintergrund. Wie bei dem Foto von Tomek Kaczor wird hier ein Kontrast erzeugt, der dem Betrachter den Kummer vor Augen führt. Im Gegensatz zu Ewa scheint bei Djeneta und Ibadeta keine Besserung in Sicht zu sein. Gut möglich, dass das erst mit einem genehmigten Asylantrag passieren wird.

Foto: Magnus Wennman

Die Suche nach „Zuhause“

Es ist nur schwer möglich, sich vorzustellen, was diese jungen Menschen erlebt haben. Die Flucht aus dem Heimatland, gefolgt von der Hoffnung auf ein neues Zuhause, die mit jedem abgelehnten Asylantrag kleiner wurde. Eigentlich möchten diese Kinder und Jugendlichen nur das, was wir alle als selbstverständlich ansehen – ein Zuhause. Die Kindheit ist die prägendste Zeit im Leben. Ich mag mir kaum die Folgen vorstellen, die eine Kindheit mit so viel Unsicherheit, Angst und Enttäuschung mit sich bringt. Fast wirkt es, als wäre RS ein Spiegelbild der Welt, die die Erkrankten erleben. Sie erfahren Resignation auf ihrer verzweifelten Suche nach einem neuen Zuhause und in Anbetracht der Lebensumstände, in denen sie sich befinden. Wenn die Hoffnung erlischt, resignieren Körper und Geist als Schutzreaktion.

Empathie und Solidarität zeigen

Bei den immer wiederkehrenden Flüchtlingsdebatten sollte man eines nicht vergessen: die Menschlichkeit. Empathie ist hier das Stichwort. Wie würde ich mich fühlen, wenn ich von keinem Land gewollt wäre? Wenn ich kein Zuhause hätte? Es ist wichtig, dass Fotografinnen und Fotografen auf diese Krankheit aufmerksam gemacht haben und es auch in Zukunft tun, damit wir anfangen, darüber zu reden. Vielleicht kann ein wenig mehr Empathie und Solidarität all den Ewas, Djenetas und Ibadetas da draußen helfen, nicht die Hoffnung zu verlieren.

Autorin: Vanessa Afken

Share on facebook
Share on twitter

Gastautor

Wir lassen in unserem Magazin nicht nur unsere festen Teammitglieder, sondern auch Praktikanten und Hospitanten zu Wort kommen. Ihre Beiträge werden dann am Ende des Textes namentlich gekennzeichnet.

Weitere Beiträge aus unserem Magazin

Lisa Knoll

Praktikumsplatz zu vergeben!

Wir suchen vom 6. Januar bis 26. März 2021 eine*n Praktikant*in für die nächste World-Press-Photo-Ausstellung. Vielleicht genau dich?