Das Unerzählte erzählen

Was hinter „Constructive Journalism“ steckt

Bitte was? Konstruktiver Journalismus? Ist Journalismus nicht immer konstruktiv – weil er informiert, aufklärt und somit den Leser befähigt, sich eine eigene Meinung zu bilden und potenziell in die öffentliche Diskussion einzubringen?

Sicherlich. Gemeint ist aber etwas anderes. Der Unterschied zu klassischem Journalismus besteht darin, dass er sich einem Thema anders annähert. Er möchte Missstände aufdecken und dem Leser aufbereiten, indem er eine positive Geschichte dazu erzählt – eine Geschichte des Aufbruchs, vielleicht sogar des Erfolgs, und in jedem Fall eine Geschichte der Perspektive, der Hoffnung. Damit will diese journalistische Strömung vermeiden, dass bei den Lesern ein einseitig negatives Bild entsteht. Es geht nicht darum, Probleme schlichtweg auszublenden. Wie der klassische will auch der konstruktive Journalismus auf Fehlentwicklungen aufmerksam machen, ihnen dabei aber gleichberechtigt positive Entwicklungen und Lösungswege gegenüberstellen. Betont werden soll: Wandel ist möglich.

Journalistin Yvonne Brandwijk bei der Arbeit zu ihrem Projekt "Future Cities"
Foto: aertsfotografie

Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Die niederländische Journalistin Yvonne Brandwijk hat in dem Projekt Future Cities, das sie gemeinsam mit Stephanie Bakker in Form von Digital Storytelling aufbereitet hat, fünf Städte porträtiert – Kinshasa, Lima, Yangon, Medellín und Addis Ababa. Diese fünf Städte eint, dass sie extrem schnell wachsen und auf der Schwelle zur boomenden Metropole – eben Future City – sind, allerdings bis vor kurzem noch in ihrer Entwicklung durch ein diktatorisches Regime, Gewalt oder westliche Vorherrschaft gehemmt waren. Brandwijk und Bakker nähern sich der Geschichte zum Wandel dieser Städte nicht (nur), indem sie die schwache Wirtschaft, instabile Demokratie oder prekäre Lage der Bewohner herausstellen. Vielmehr wird sie jeweils aus Perspektive von Menschen erzählt, die trotz der widrigen Umstände etwas gewagt und auch erreicht haben.

Elsa möchte Köchin werden - und damit die Chance auf ein besseres Leben haben.

Da wäre etwa Elsa, die in einem der gefährlichsten Slums in der peruanischen Hauptstadt Lima wohnt. Sie will ihre Lebenssituation dadurch verbessern, dass sie eine Lehre zur Köchin in einer öffentlichen Catering-Schule macht, gegründet vom renommierten Koch Gastón Acurio. Er will jungen Peruanern eine Perspektive bieten – was in anderen Ländern der Fußballprofi sei in Peru der Koch. Zu recht: Drei der fünf besten Restaurants in Lateinamerika befinden sich in Lima. Sich Kochkünste anzueignen kann also tatsächlich ein besseres Leben ermöglichen. Elsa ergreift diese Chance.

„In ‚Future Cities’ wollten wir zeigen, dass sich die Menschen in diesen Städten nicht passiv ihren Lebensumständen fügen, sondern ihre Möglichkeiten nutzen, innovativ und vor allem aktiv werden“, so Brandwijk in ihrem Vortrag im Rahmen der World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg im März 2018. Das Projekt macht deutlich, was wesentlich ist im Constructive Journalism: gerade diejenigen Geschichten zu finden und zu erzählen, die bis dato unentdeckt und unerzählt geblieben sind. Und den Blick nicht nur auf Gegenwart und Vergangenheit zu richten, sondern auch und vor allem auf die Zukunft.

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Mareike Lange

Zu Tränen gerührt? Sind manche. Ergriffen? Die meisten. Tief beeindruckt? Ausnahmslos alle! Weil die World Press Photos eine so große Bedeutung haben - für die Meinungsfreiheit und damit jeden einzelnen - hat es sich Mareike Lange zur Aufgabe gemacht, der Ausstellung über soziale Medien und zielgruppengerechte Veranstaltungsformate größtmögliche Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

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