Der Blick für das Unerwartete

Die zweite Ausgabe von „Everyday Africa“ in Oldenburg zeigt neue Perspektiven auf den Alltag auf einem diversen Kontinent. Ein Vergleich.

Foto: Thoko Chikondi

Mehr Freude kann ein Bild nicht einfangen: Diese Frauen richten ihr schönstes Lächeln zur Handykamera und freuen sich auf eine ausgelassene Hochzeitsfeier in Bukavu, einer Stadt im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Aufgenommen wurde der Moment von der kongolesischen Fotografin Esther Nsapu. Der Schwerpunkt der freien Journalistin liegt bei sozialen Themen, aber auch zwischenmenschliche Beziehungen sind auf ihren Motiven zu sehen. Das Foto war 2020 Teil der Sonderschau „Everyday Africa“ im Rahmen der fünften World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg. Nach dem großen Erfolg beim Publikum gibt es 2021 nun 50 neue Fotos von diesem Kontinent zu bestaunen. Eine gute Gelegenheit also, einen Vergleich zwischen beiden Ausgaben zu wagen. 

Foto: Esther Nsapu

Esther Nsapu ist auch in der neuen Auswahl mit zwei Fotos vertreten. Eines davon wurde am 1. Oktober 2020 aufgenommen und zeigt zwei Jungen auf einer Demonstration, ebenfalls in Bukavu. Organisiert wurde die Demonstration von Bürgerrechtsorganisationen des Vereins „Mitamba za Balega“. Er setzt sich für die Errichtung eines Straftribunals ein, um all jene zu verurteilen, die in der jüngeren Vergangenheit schwere Verbrechen im Land begangen haben. Außerdem kümmert sich der Verein um Opfer von sexueller Gewalt und Kinder, die bei Vergewaltigungen gezeugt wurden. Wenn auch am gleichen Ort entstanden, unterscheidet sich diese Aufnahme deutlich von dem Foto, das Esther Nsapu 2020 beisteuerte. Mit Basecap, Sonnenbrille und Maske sind die Gesichter der Jungen fast vollständig bedeckt. Ihre Mimik ist nicht zu erkennen.

Foto: Esther Nsapu

Ein Kontinent in Bewegung

Das Kollektiv „Everyday Africa“ entstand 2012 auf Initiative von zwei amerikanischen Fotografen. Statt Konflikten und Katastrophen fotografierten sie Menschen in ihrem Alltag. Ihr Ziel: afrikanische Lebenswirklichkeiten realitätsgetreu darstellen. Ihnen angeschlossen haben sich inzwischen zahlreiche afrikanische Fotograf*innen, die ihren Kontinent aus einer alltäglichen Perspektive zeigen.

Zum afrikanischen Alltag gehört auf jeden Fall Sport. Die Bilderauswahl von 2021 rückt dabei die soziale Komponente in den Vordergrund. Denn in den Geschichten hinter den Aufnahmen ist der Sport oft ein Mittel zum Zweck. Das Thema wird ernsthaft behandelt, wie etwa von Nader Adem, der in Äthiopien lebt und arbeitet. „Everyday Africa“ zeigt dieses Jahr mehrere Fotografien aus seinem Projekt „Life as a Disabled Person“. Im März 2016 dokumentierte er dafür in Addis Abeba einen Sporttag für Menschen mit Behinderungen. Mit diesen Aufnahmen will Adem verdeutlichen, dass die Menschen Kraft aus ihrem Sport ziehen.

Ähnlich M‘hammed Kilito: Der marokkanische Fotograf porträtierte die Artistin Fatima Zohra. Sie erzählt, dass sie aus einer armen Familie stammt und ihr ein Zirkus-Projekt Zugang zu Bildung ermöglichte. Sie ist stolz, dort als erste Marokkanerin ein Zirkusdiplom erworben zu haben.

Foto: M'hammed Kilito

Schon 2020 legte Peter DiCampo, einer der beiden „Everyday Africa“-Gründer, bei der Bildauswahl großen Wert auf das Thema Sport. So sieht man auf einigen der Fotos Kinder und Erwachsene etwa beim Basketball spielen, beim Laufen, Boxen, Schwimmen, oder beim Billardspiel. Die Begeisterung und Lebensfreude auf diesen Aufnahmen wirken besonders ansteckend. Beim Betrachten fühlt man sich fast wie ein Teil der Zuschauermenge, die in Algier den Africa Cup of Nations verfolgt. Der algerische Fotograf Fethi Sahraoui hielt diesen Moment fest und schafft es, die Bedeutung des Ereignisses für die soziale Gemeinschaft spürbar zu machen.

Foto: Fethi Sahraoui

Sozial, vielfältig, persönlich

Das afrikanische Leben hat aber auch ganz andere Facetten. In der Ausstellung 2021 ist zu sehen, wie überall auf dem Kontinent kulturelles Erbe bewahrt und Stolz auf Tradition zur Schau gestellt wird. Religion und Spiritualität tauchen in vielen Bildern auf. Sie berichten von persönlichen Geschichten und Schicksalen, etwa von dem des Taxifahrers Ahmed. Viele verschiedene Jobs hat er in seinem Leben schon ausgeführt – obwohl er doch als Kind davon träumte, professioneller Kampfsportler zu werden. Sein Foto stammt ebenfalls von M’hammed Kilito, der sich in einem aktuellen Projekt mit den sozio-ökonomischen Einflüssen auf die Berufswahl junger Marokkaner*innen und ihren kulturellen Identitäten befasst.

Der Umgang mit Identität ist in der diesjährigen Sonderschau ein sehr präsentes Thema: Menschen mit Behinderungen, die stark und selbstständig sind. Kinder und Jugendliche, die verschiedene Dimensionen von Jungsein in Afrika aufzeigen. Mädchen, Frauen und queere Personen, die ihre Individualität offen ausleben. Die Ausstellung bildet einen bunten und selbstbewussten Kontinent ab. Die Kuration übernahm diesmal Wacera Njagi aus Kenia. Njagi ist Visual Artist und im Team der „Everyday Projects“ für die Koordination von „Everyday Africa“ zuständig. Dabei sind aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen ein weiterer Schwerpunkt: Viele der von Wacera Njagi ausgewählten Aufnahmen porträtieren Menschen, die durch ihre Sexualität, ihr Aussehen oder ihr Verhalten den Status Quo herausfordern. Politischer und gesellschaftlicher Aktivismus sind dadurch gegenwärtiger als noch im letzten Jahr.

Wo das Alltägliche politisch wird

Foto: Gulshan Khan

Es fällt also auf: Die für 2021 ausgewählten Bilder sind deutlich politischer als die des Vorjahres. Themen wie Migration und Flucht, Armut und Bildungsnot, und natürlich auch das Corona-Virus haben die Zusammenstellung des aktuellen Ausstellungsjahrgangs beeinflusst. Mehrere Fotos provozieren unter anderem die Frage, was es heißt, als Sanitäter*in oder Pflegekraft die eigene Gesundheit und Sicherheit aufs Spiel zu setzen, um Anderen in Zeiten der Krise zu helfen.

Die diesjährige Bilderschau legt zudem ein Zeugnis der anhaltenden politischen Umbrüche in Afrika ab: Waren diese Inhalte auf den Bildern von 2020 kaum vertreten, so stößt man dieses Jahr auf friedliche Demonstrationen gegen Diktatoren, auf Rufe nach Entschädigung für die Kolonialherrschaft oder auf das Anprangern schwerer Verbrechen. Die Auswahl dieser Aufnahmen macht unmissverständlich klar, dass die Ausstellung „Everyday Africa“ längst nicht mehr nur eine Zusammenstellung von vermeintlich simplen Momentaufnahmen ist. Vielmehr zeigt sie, dass die Forderung nach gesellschaftlicher und politischer Veränderung genauso zum Alltag gehört.

 

Autorin: Theresa Wunderlich

Share on facebook
Share on twitter

Gastautor*in

Wir lassen in unserem Magazin nicht nur unsere festen Teammitglieder, sondern auch Praktikant*innen und Fotograf*innen zu Wort kommen. Ihre Beiträge werden dann am Ende des Textes namentlich gekennzeichnet.

Weitere Beiträge aus unserem Magazin