Der Pandemie trotzen

Wie die World-Press-Photo-Ausstellung im Corona-Jahr doch noch nach Oldenburg kommt.

Foto: Andreas Burmann

Seit 2016 zeigen wir alljährlich den aktuellen Jahrgang der World Press Photos in Oldenburg. Wir sind sehr glücklich darüber, wie die Menschen im Nordwesten diese so wichtige Ausstellung seither mit großer Begeisterung angenommen haben. Deshalb sahen wir uns in der Pflicht, alles dafür zu tun, dass sie auch in Zeiten der Pandemie zu sehen sein kann. Es war – das geben wir gern zu – ein Ritt auf der Rasierklinge.

Der letzte Besucher kam am Sonntag kurz vor halb sechs. Eine halbe Stunde später schloss das Aufsichtspersonal die Türen. Unsere Jubiläumsausstellung war beendet. Mehr als 20.000 Besucherinnen und Besucher sahen sich die weltbesten Pressefotos im fünften Jahr an. Rekord – obwohl die Zahlen am letzten Wochenende bereits bröckelten. Grund: Covid-19. Die Seuche hatte auch den Weg nach Oldenburg gefunden. Viele Leute blieben lieber zuhause. Unser nimmermüdes Team aber musste nochmal ran. Montagmorgen begann der Abbau, Dienstagmittag war die Ausstellung Geschichte und auf den Rückweg nach Amsterdam gebracht. Zwei Tage später wurde der erste Lockdown verkündet.

Foto: Andreas Burmann

Macht Planung Sinn? Macht keine Planung Sinn?

Nach der Ausstellung ist vor der Ausstellung. Wir beobachteten in den folgenden Monaten sehr genau, wie sich die Lage entwickelt. Im April wurde die Bekanntgabe der neuen Wettbewerbssieger ins Internet verlegt, erste Standorte in aller Welt verkündeten, diesmal auf die Ausstellung verzichten zu wollen. Oder sie in den Herbst zu verlegen, hoffend, dass sich die Situation bis dahin entspannt. Trotz aller Unklarheiten nahmen wir Kontakt zu Yasuyoshi Chiba auf, den Fotografen des Pressebildes des Jahres. Natürlich hatten wir vor, ihn unserem Oldenburger Publikum zu präsentieren. Der Japaner, der in Kenia als Ostafrikakorrespondent der Agentur AFP tätig ist, sagte sofort zu, zu kommen. Von seinem Kollegen Ronaldo Schemidt, der 2019 hier war, hatte er bereits gehört, dass sich das lohnt.

Im Sommer ein eher uneinheitliches Bild: Ausstellungen wurden weiter verschoben oder fielen ganz aus. Auch unser Versuch, die World Press Photos im August erstmals nach Hannover zu bringen, war zum Scheitern verurteilt. Auf die Möglichkeit vor, die Ausstellung erneut nach Oldenburg zu holen, behielten wir aber weiterhin im Auge. In jedem Fall wollten wir vorbereitet sein, falls etwas gehen sollte. Und bis zum Februar war es ja noch lange hin.

Erster Schritt: Sponsorengespräche. Mit erfreulichem Ausgang, denn alle Partner verkündeten, dabei zu bleiben. Dann ging es daran, erste Programmpunkte für das Rahmenprogramm festzulegen und zu klären, ob wir eine Neuauflage der Erfolgsstory „Everyday Africa“ einplanen können. Von Projektgründer Peter DiCampo kam schnell das Okay. Er war inzwischen von Kenia in seine amerikanische Heimat zurückgekehrt, wo seine Frau in Seattle als Ärztin täglich mit dem Leid der an Covid-19 Erkrankten zu tun hatte. John Moore, unser Ehrengast aus dem Februar 2020, schickte uns schockierende Fotos aus Krankenhäusern in New York. Puh!

Foto: Mediavanti

Ein neuer Termin – nach dem Ende der Saison

Sollten wir wirklich mit den Planungen fortfahren? Wir waren uns einig: Ja, wir dürfen uns von der Pandemie nicht unterkriegen lassen. Absagen war keine Option. Stattdessen arbeiteten wir Hygienepläne aus, stimmten sie und uns mit dem Team vom Landesmuseum ab. Immer wieder standen wir in Kontakt mit der World-Press-Photo-Stiftung in Amsterdam, die die weltweite Ausstellungstournee koordiniert. Dort war die Stimmung im Keller. Ein Standort nach dem anderen warf das Handtuch, Direktor Lars Boering kündigte seinen Job.

Wir blieben trotzig und versuchten, uns unseren Optimismus so gut es geht zu erhalten. Gespräche mit unseren Kooperationspartnern in Oldenburg standen an, Pläne wurden entwickelt und wieder verworfen. Vom Gedanken, Yasuyoshi Chiba einzufliegen, verabschiedeten wir uns Stück für Stück. Alles viel zu unsicher – gehen überhaupt Flüge, muss er in Quarantäne? Esther Horvath, Gewinnerin eines World Press Photo Awards in der Kategorie Umwelt, erklärte sich bereit, zur Eröffnung zu kommen.

Im Herbst wurden die Zweifel größer. Die Kollegen in Dortmund mussten die Ausstellung wegen des neuerlichen Lockdowns nach wenigen Tagen abbrechen. Nachfrage im Landesmuseum: Können wir den geplanten Eröffnungstermin vom 20. Februar verschieben? Na klar, die Räume im Dachgeschoss des Schlosses sind frei. E-Mail nach Amsterdam: Ja, lieber verschieben als ausfallen lassen. Wir dürfen – wenn es denn so weit kommt – bis zum 11. April öffnen. Eine Ausnahme, denn normalerweise endet eine Ausstellungssaison Ende März. Aber was ist schon normal in diesen Zeiten.

Die Entscheidung fällt. Und es gibt jede Menge zu tun.

Eine weitere Hiobsbotschaft: Esther Horvath sagt ab. Zum neuen Termin Anfang März will sie auf Spitzbergen sein. Und nun? Ein Eröffnungsgast muss sein, dass ist ehernes Prinzip bei uns. Einen Anruf später sagt Maximilian Mann, er komme gern. Der Dortmunder hat in der Umwelt-Kategorie bei den Fotoserien einen Preis gewonnen. Ob wir ihn wirklich im Schlosssaal begrüßen werden? Seit Jahresbeginn geben wir darauf nur noch eine Antwort: Das hängt von der Politik ab. Corona ist ein erbarmungsloser Gegner. Wir möchten nicht in der Haut der Entscheider stecken. Aber wir brauchen eine Entscheidung.

Foto: Mediavanti

Zum eigentlichen Eröffnungstag Ende Februar ist klar: Wenn es losgeht, dann am 13. oder 20. März. Doch die Inzidenzzahlen steigen wieder. Was nun? Banges Warten. Am 3. März dann kurz vor Mitternacht die Meldung aus Berlin: Es wird leichte Lockerungen geben. Unter anderem dürfen die Museen wieder öffnen, wenn die Inzidenzen es zulassen. Am nächsten Tag hektisches Telefonieren. Mit den Teams vom Landesmuseum und der Stiftung müssen Absprachen getroffen, Sponsoren und Presse informiert, die Personal- und Hygienepläne überarbeitet werden.

Auch mit dem Programmheft, unserem wichtigsten Informations- und Werbemedium, müssen wir uns nochmal beschäftigen. Es ist längst zum Druck vorbereitet, nun aber müssen die im Rahmenprogramm geplanten Veranstaltungen entweder abgesagt oder ins Internet verschoben werden. Ach ja, Online-Events sind Neuland für uns. Aber was soll’s, das kriegen wir dann auch noch hin. Und kaum sickert die Nachricht durch, dass die Ausstellung stattfinden kann, meldet sich einer unserer langjährigen Partner: „Wenn ihr Unterstützung bei den Videoübertragungen braucht, meldet euch. Wir helfen!“

Eine Erkenntnis: Beharrlichkeit zahlt sich aus.

Fest steht: Die Ausstellung 2021 wird ganz anders als alle bisherigen. Besucherinnen und Besucher müssen sich anmelden und ihre Kontaktdaten hinterlassen. Es wird ein Besucherlimit, Maskenpflicht und Abstandsregeln geben – aber keine Eröffnung und keine Diskussion, keinen FotoSlam und keine Filme. Vom Rahmenprogramm, mit dem wir uns stets besonders viel Mühe geben, bleibt wenig übrig.

Na und? Wir sind ja schon erleichtert, wenigstens die World Press Photos und die Sonderschau „Everyday Africa“ zeigen zu dürfen. Und wir sind froh, dass sich die Beharrlichkeit ausgezahlt hat und wir trotz aller Skepsis rund um uns herum Lösungen gefunden haben. Nun hoffen wir, dass unsere Gäste Geduld und Verständnis aufbringen, wenn mal was schief geht. Dass sie nicht über eventuelle Wartezeiten schimpfen und stattdessen dem Aufsichtspersonal mit Wertschätzung und Respekt begegnen. Und dass wir alle am Ende gesund bleiben. Dann wäre viel gewonnen.

 

 

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Claus Spitzer-Ewersmann

Ohne Claus Spitzer-Ewersmann würde die World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg wohl kaum Station machen. Der Agenturchef gab 2015 den Anstoß, die Bilderschau in seine Heimatstadt zu holen und freut sich noch immer, dass die Idee auf fruchtbaren Boden fiel und weiterhin auf großen Zuspruch beim Publikum stößt.

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