Die Realität als Drehbuch – Teil II

Ein Überblick über den Digital Storytelling Contest 2021 – die Kategorie „Long“.

Foto: Andreas Burmann
Foto: Yang Shenlai/Tang Xiaolan

World Press Photo Online Video of the Year, Long, 1. Platz

„Calling Back From Wuhan“

„Calling Back From Wuhan“ besteht aus Telefonaufzeichnungen einer chinesischen Familie während des Ausbruchs der Covid-19-Pandemie. Die Familie von Weng Jiang ist sehr stark betroffen. Nur wenig Tage nachdem seine Eltern am Virus verstorben sind, erkranken er und seine Frau ebenfalls. Die Produktion von Yang Shenlai und Tang Xiaolan thematisiert das Trauma, das die Familie durch das Virus und seine Folgen durchleben muss. Durch die Telefonaufzeichnungen werden die Zuhörenden Zeug:innen von Gesprächen während des Lockdowns und hören die letzten Worte von Weng Jiangs sterbenden Angehörigen. Liebe, Schmerz, Verlust und das kollektive Trauma werden eindrücklich spürbar.

Von all den Videos, die zum Thema Covid-19 eingereicht wurden, spürte ich bei diesem ein ganz anderes Level an Intensität und Emotion. Die Sterberate in Wuhan war zwar nicht so hoch wie andernorts, doch die Menschen hier waren die ersten, die mit dieser neuen Krankheit konfrontiert wurden. Sie kämpften gegen etwas, das zu diesem Zeitpunkt noch niemand verstand.

Muyi Xiao, Juryvorsitzende des World Press Photo Contests

 

 

Foto: Old Fool Films

Long, 2. Platz

„To Calm the Pig Inside

In der Produktion der Old Fool Films aus der Kategorie „Long“ erzählt ein philippinisches Mädchen vom Taifun Haiyan und seinen Folgen im Jahr 2013. Er verwüstete die Stadt Tacloban stark. Mehr als 10.000 Menschen starben. Viele sind durch die Vorkommnisse traumatisiert und psychisch erkrankt. Die Menschen glauben daran, dass ein Schwein im Inneren der Erde lebt, das verantwortlich für Naturkatastrophen sei. Sie nennen es „Buwa“. Der Film zeigt das Ausmaß der Zerstörung, während das Mädchen von den schlimmen Folgen für die Menschen nach dem Taifun und von ihrem Überlebenskampf berichtet. Die Regierung versäumte es, den Menschen schnelle Hilfen zukommen zu lassen. Ohne die humanitäre Hilfe der Nichtregierungs-Organisationen wären viele weitere Menschen gestorben.

Trailer zur Produktion online schauen

Der Film ist in vielerlei Hinsicht unkonventionell, vom Narrativ über das Voice-over und die Bildsprache bis hin zum Schnitt. Es ist keine klassische Berichterstattung, die Herangehensweise ist fast künstlerisch. Die Produktion kratzt nicht einfach an der Oberfläche einer Naturkatastrophe, sondern nimmt sie zum Anlass, auf philosophische Art in Dialog zu treten.

Muyi Xiao, Juryvorsitzende des World Press Photo Contests

 

 

Foto: Jon Kasbe/The New Yorker

Long, 3. Platz

„Blood Rider 

Jon Kasbe und sein Team von The New Yorker berichten in „Blood Rider“ von den Problemen, die die knappe Versorgung mit Blutkonserven in Nigeria nach sich ziehen. Das nigerianische Gesundheitssystem kann keine verlässliche Versorgung für Bluttransfusionen sicherstellen. Durch die chronisch überlastete Verkehrsinfrastruktur im Land dauert es zudem oft 24 Stunden oder mehr, bis die rettenden Konserven bei den Patient:innen eintreffen. Kasbe begleitet den jungen Mann Joseph, der als Transportfahrer für Bluttransfusionen arbeitet. Die Fahrten erledigt er mit seinem Motorrad. Außerdem erzählt Kasbe die Geschichte der werdenden Mutter Deborah. Bei ihr gibt es während der Geburt ihres Kindes Komplikationen und sie ist auf eine schnelle Versorgung mit Blut angewiesen. Ein nervenaufreibender Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Produktion online schauen

Wir filmten während der Fahrt und wurden niemals langsamer. Wir saßen verkehrt herum auf Motorrädern, den Rücken an den unserer Fahrer gelehnt, um den Blood Rider auf dem Motorrad hinter uns zu filmen. Die Beine hatten wir stets fest an die Maschine gepresst, um im Sitz zu bleiben. Das gab uns die größtmögliche Freiheit, um die Handkameras zu bedienen.

Jon Kasbe, Regisseur und Produzent

 

2021 war das letzte Jahr, in dem die World-Press-Photo-Stiftung dem Digital Storytelling einen eigenen Wettbewerb widmet. Ab dem kommenden Jahrgang, der im April 2022 in Amsterdam gekürt wird, ist eine Neukonzeptionierung des gesamten World-Press-Photo-Wettbewerbs geplant. Dieser wird künftig die prämierten Produktionen aus dem Digital Storytelling mit einschließen.

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Lisa Knoll

Lisa Knoll ist das Organisationsgenie der World-Press-Photo-Ausstellung. Sie kümmert sich um Auf- und Abbau, hält die Personal- und Zeitpläne aktuell und auch beim Rahmenprogramm führt kein Weg an ihr vorbei. Und weil sie sowieso alles rund um das Ausstellungsgeschehen mitkriegt, berichtet sie zudem regelmäßig in den sozialen Medien davon.

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