Ein Schwarm der Zerstörung

Seit Anfang 2020 zieht die Wüstenheuschrecke über Ostafrika. Der Fotograf Luis Tato zeigt, wie die Bevölkerung mit den Folgen lebt.

Foto: Luis Tato

Seit mehr als zwei Jahren kämpft die Bevölkerung Ostafrikas gegen riesige Heuschreckenschwärme – die schlimmste Invasion seit 70 Jahren. Bis zu 150 Kilometer legen die Insekten pro Tag zurück und zerstören so innerhalb kürzester Zeit die Felder und Äcker der Bewohner:innen. Das Klima vor Ort bietet perfekte Lebensbedingung für die gierigen Insekten. Schnell kommen auf einen Quadratkilometer 40 bis 80 Millionen Tiere. Ein Schwarm, der die Fläche von Paris abdeckt, könnte an einem Tag doppelt so viel Nahrung verschlingen wie die gesamte französische Bevölkerung.

Foto: Luis Tato

Die Wüstenheuschrecke kommt einer Naturgewalt gleich. Sie zu bekämpfen, ist für die Bevölkerung nicht ohne Hilfe von außen möglich – und die bleibt aufgrund der Corona-Pandemie immer öfter auf der Strecke. Die Versorgung mit Pestiziden geriet aufgrund geschlossener Grenzen ins Stocken, Hilfsorganisationen wurde die Einreise ebenfalls erschwert.

Foto: Luis Tato

Eine riesige, schwarze Wolke

Als er die Insektenschwärme zum ersten Mal sah, habe er zunächst an eine riesige, schwarze Wolke gedacht, berichtet der Mann hinter den Fotos, der 33-jährige Luis Tato. „Es war eine schockierende Erfahrung, das Ausmaß und die Intensität der Situation mit eigenen Augen zu sehen.” Der gebürtige Spanier lebt seit einigen Jahren in Kenia und arbeitet dort für große Fotoagenturen wie die Agence-France Presse. Neben seiner Arbeit als Nachrichtenfotograf widmet Tato sich in den letzten Jahren immer auch eigenen fotojournalistischen Projekten. Seine aktuelle Reportage über die Invasion der Wüstenheuschrecken in Kenia wurde von der Jury des World-Press-Photo-Wettbewerbs mit dem 3. Platz in der Kategorie „Natur“ ausgewählt.

Foto: Luis Tato

Das wohl bekannteste Bild aus der Reihe zeigt einen Mann, der inmitten eines riesigen Insektenschwarms versucht, die Tiere mit den Armen abzuwehren – ein Unterfangen, das so verzweifelt wie aussichtslos erscheint. Dieses Foto schaffte es auf die Shortlist für den Titel „Weltpressefoto des Jahres“.

Foto: Luis Tato

Menschheit gegen Natur

Die Juror:innen der World-Press-Photo-Wettbewerbs waren beeindruckt von der Geschichte hinter der Fotoreihe. Der äthiopische Fotojournalist Mulugeta Ayene sagt: „Wir müssen dem Rest der Welt erzählen, was hier in Ostafrika passiert. Die Menschen verlieren ihre Ernte und COVID-19 macht die Situation noch schlimmer. Hier passiert gerade eine Katastrophe.“ Indem diese Fotos in der Welt verbreitet werden, werde mehr Aufmerksamkeit auf das Leid der Kenianer:innen gelenkt. Durch die Corona-Pandemie gerieten viele wichtige Themen in den Hintergrund –gerade deswegen verdiene Tatos Arbeit eine Auszeichnung. Für Kathy Moran, stellvertretene Vorsitzende der Hauptjury, geht es in den Fotos um mehr als das Leid der Menschen. „Über allem schwebt der Kampf Menschheit gegen Natur“ – gegen die Heuschrecken, gegen das Verhungern. Ein Kampf ums Überleben. Themen wie diese sind wichtig und sollten gezeigt werden – auch und vor allem gerade während eine Pandemie die Welt in Atem hält und für so viele Menschen das einzige brennende Thema unserer Zeit zu sein scheint.

 

Autorin: Merle Ley

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Gastautor:in

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