„Fotojournalisten haben eine soziale Verantwortung“

Insa Hagemann über ihre Fotoreportage "Wann have Love?!"

Foto: Insa Hagemann
Bild aus der Serie „Wann have love?!“
Bild aus der Serie „Wann have love?!“
Foto: Insa Hagemann

Die Fotografen Insa Hagemann und Stefan Finger bilden in ihren Langzeitprojekten Themen ab, die in der Öffentlichkeit sonst nur wenig Beachtung finden. In der Reportage „Wanna Have Love?!“ berichtet das Paar über das Leben von Kindern westlicher Sextouristen auf den Philippinen. Am kommenden Sonntag, dem 4. März, sind sie Gäste bei unserer dritten Sonntagsmatinee in der Buchhandlung Isensee. Wir haben vorab mit ihnen über ihre Arbeit gesprochen.

Wie ist die Idee zu „Wanna Have Love?!“ entstanden?

Finger: Ich war zwei Jahre zuvor auf den Philippinen unterwegs, um eine Reportage über das Leben auf den Müllkippen von Cebu zu machen. Dabei habe ich einen deutschen katholischen Pfarrer kennengelernt, der Kondome an Prostituierte verteilt. Ich war erstmal irritiert, aber dann erzählte er mir, dass viele Kinder von westlichen Sextouristen gezeugt und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Zunächst dachte ich, dass dieses Thema wohl kaum fotografierbar ist. Ich habe dann mit Insa gesprochen, und wir haben uns entschlossen, einfach hinzufliegen und es trotzdem zu versuchen.

Wie schwer war es, Kontakt zu den Betroffenen herzustellen und ihr Vertrauen zu gewinnen?

Hagemann: Stefan kannte bereits den ansässigen Pfarrer, den irischen Father Shay Cullen – dadurch hatten wir die Chance, in Olangapo dem von ihm aufgebauten Schutzhaus für sexuell missbrauchte Mädchen zu fotografieren. Er konnte uns auch an die Hilfsorganisationen vor Ort weitervermitteln.

Gerade in Angeles City, der Hochburg des Sextourismus, haben wir uns dann salopp gesagt „von Haustür zu Haustür gefragt“ und immer offen kommuniziert, was wir machen und wer wir sind.

Finger: Die Menschen waren sehr gastfreundlich und haben uns schnell zu sich nach Hause eingeladen. Aber nicht nur die Mütter mussten ihr Einverständnis geben, sondern auch die Kinder. Wir wollten ein Gefühl für die Kinder bekommen, um der Geschichte den nötigen Raum geben zu können.

Deshalb waren wir viereinhalb Wochen vor Ort, haben jeden Tag mit den Kindern verbracht und mit ihnen gespielt. Mit der Zeit hatten wir das Ziel eines jeden Fotojournalisten erreicht: Wir sind als Fotografen nicht mehr aufgefallen.

Wie gehen Sie fotografisch an eine Situation heran, wenn das Vertrauen erst einmal da ist?

Hagemann: Es gibt Tage, an denen man nur recherchiert oder neue Kontakte knüpft. Und dann gibt es Tage, an denen man eine Person die ganze Zeit fotografisch begleitet. Gerade am Anfang macht man viele Bilder, weil alles irgendwie neu ist. Aber irgendwann kommt auch der Zeitpunkt, in dem man denkt: Dieses eine Bild fehlt mir noch für meine Geschichte.

Und wie bekommen Sie dann genau dieses Bild? Wie sehr kann man das im Voraus planen?

Hagemann: Wir wollen die Menschen immer in ihrem Alltag zeigen. Zwar kann man sich im Vorfeld Gedanken machen – aber das meiste ergibt sich tatsächlich erst spontan. Häufig habe ich schon Bilder im Kopf – die müssen aber nicht zwangsläufig umgesetzt werden. Gerade bei „Wanna Have Love?!“ war es so: Die Kinder waren so unterschiedlich, dass von allen ganz individuelle Aufnahmen entstanden sind.

Zu „Wanna Have Love?!“ haben Sie auch ein Buch zum Projekt veröffentlicht. Warum?

Finger: Das ist ein hartes Thema, für das wir beide brennen und auf das wir Menschen hinweisen wollen. Wir haben eine soziale Verantwortung, wenn wir mitkriegen, dass der Nachbar mehrmals im Jahr allein auf die Philippinen fliegt, aber kein typischer Backpacker ist und auch keiner Hilfsorganisation angehört. Das Buch war eine Möglichkeit, eine Öffentlichkeit für Kinder zu schaffen, die von Sextouristen gezeugt und auch missbraucht werden.

Sie haben aber auch ein gemeinsames Projekt gemacht, das deutlich leichter daherkommt …

Hagemann: Richtig, wir waren am Valentinstag in Las Vegas unterwegs und haben dort viele Hochzeiten mitbekommen und einfach angefangen, Fotos zu machen. Als wir daraufhin ein Angebot vom Stern bekamen, zu diesem Thema eine ausführlichere Reportage mit deutschen Paaren zu machen, wurde daraus „Die Hochzeitsshow“. Diese Geschichte ist uns quasi zugeflogen, weil wir Augen und Ohren offengehalten haben.

„Die Hochzeitsshow“ wurde wesentlich häufiger von Magazinen veröffentlicht als „Wanna Have Love?!“. Woran liegt das?

Hagemann: Leichte Kost ist immer schneller eingekauft. Viele Redakteure sind dankbar für fröhliche, belanglose Themen. Da gibt es bei sensibleren Geschichten durchaus größere Berührungsängste.

Finger: Es gibt genug Magazine, in denen für Elendsgeschichten ein fester Platz eingeräumt wird. Aber eben nicht mehr. Ein Verlag muss darauf achten, dass er eine Mischung anbietet, denn Anzeigenkunden wollen ihre Werbung nicht zwischen bedrückenden Themen platzieren. Ich glaube auch nicht, dass irgendein Magazin uns von sich aus mit dieser Geschichte beauftragt hätte. Schon gar nicht für vier Wochen. Wir wollen als Leser eben lieber unterhalten werden, als uns mit den Problemen dieser Welt zu beschäftigen.

Ist es Ihnen darum umso wichtiger, gerade diese Elendsgeschichten zu erzählen?

Finger: Ja, denn darum bin ich Fotojournalist geworden. Für meine Fotoserie über die Tunnelmenschen von Las Vegas war ich zwei Wochen vor Ort und habe am Ende sicherlich keinen einzigen Cent daran verdient. Bei einem Heile-Welt-Thema wäre das anders gewesen. Aber es ist die Aufgabe von Journalisten, den Finger in die Wunde zu legen und gerade die andere Seite in die Öffentlichkeit zu stellen. Bei einem Thema, das mir am Herzen liegt, überlege ich nicht, ob ich davon leben kann.

Hagemann: Meine Arbeiten sind thematisch eher durchmischt. Ich höre Geschichten von Menschen und weiß: Darüber will ich berichten, weil ich darüber bisher nichts wusste. Zum Beispiel habe ich Marvin, einen Jungen mit Kinderdemenz, und weitere Kinder mit seltenen Erkrankungen fotografiert. Gerade jetzt als Mutter denke ich immer mehr darüber nach. Es fließen dort einfach viel zu wenig Gelder – und es wird selten davon berichtet, wie es den Familien in dieser Situation geht. Ich möchte eine Geschichte kennenlernen und sie fotografieren, damit sich auch andere Menschen damit befassen.

Haben Sie schon Pläne für kommende Langzeitprojekte – gemeinsam oder allein?

Finger: Wir haben unser neuestes Langzeitprojekt gerade ins Bett gebracht. (lacht) Das schränkt uns natürlich ein bisschen ein, weil wir nicht mehr bedenkenlos in alle Länder reisen können – schon gar nicht für mehrere Wochen am Stück. Es macht uns zwar sehr viel Spaß, gemeinsame Fotoprojekte zu machen, aber momentan hat die Zeit mit unserem Sohn einfach Vorrang. Deshalb schauen wir zurzeit vermehrt nach Projekten in Deutschland. Etwas Konkretes ist aber noch nicht geplant.

Insa Hagemann und Stefan Finger sind Gäste bei unserer dritten Sonntagsmatinee in der Buchhandlung Isensee. Am kommenden Sonntag, den 4. März werden sie ab 11 Uhr von der Arbeit an „Wanna Have Love?!“ berichten. Der Eintritt kostet 3 Euro, Kaffee und Croissants sind inklusive.

 

Fotos: Insa Hagemann / Stefan Finger

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Lisa Knoll

Lisa Knoll ist das Organisationsgenie der World-Press-Photo-Ausstellung. Sie kümmert sich um Auf- und Abbau, hält die Personal- und Zeitpläne aktuell und auch beim Rahmenprogramm führt kein Weg an ihr vorbei. Und weil sie sowieso alles rund um das Ausstellungsgeschehen mitkriegt, berichtet sie zudem regelmäßig in den sozialen Medien davon.

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