Katastrophe und Schönheit

Maximilian Mann zeigt die Auswirkungen des Klimawandels am Beispiel eines Sees im Iran.

Foto: Maximilian Mann, DOCKS Collective

Die Folgen des Klimawandels wollte er dokumentieren. Deshalb fuhr der damalige Fotostudent Maximilian Mann aus Dortmund zum weitgehend ausgetrockneten Urmia-See in den Iran. Die Jury des World Press Photo Contests würdigte seine Fotostory mit dem zweiten Platz in der Kategorie Umwelt. Hier schildert der 28-Jährige seine Eindrücke von der Reise, die seiner Serie „Fading Flamingos“ zugrunde liegt.

Apfelernte in der Nähe des Urmia-Sees.
Foto: Maximilian Mann, DOCKS Collective

„Ich bin Terrorist und vom IS“ – so begrüßt mich ein Bärtiger am Eingang der Moschee eines kleinen Dorfes irgendwo am Urmia-See im Iran. Die Umstehenden lachen, ich dann, etwas gequält, auch. „Er macht nur Spaß“, sagt ein Mann lächelnd neben ihm, der mich besorgt beobachtet. Wenig später sitze ich mit etwa hundert Männern in der Moschee, es wird Reis mit Rosinen und Bohnen serviert. Zehn Tage lang wird Imam Husseins gedacht, eines Enkels des Propheten Mohammed. In dieser Zeit wird man an fast jeder Ecke im Iran zu Essen und Tee eingeladen. Die Menschen hier begrüßen mich an diesem Septembertag auf meiner ersten Reise mit sehr viel Humor und unfassbarer Gastfreundschaft.

Ein unterschätztes Problem

Doch bis dahin war es ein weiter Weg, nicht nur geografisch. Ich wollte mich für meine Abschlussarbeit an der Hochschule Dortmund fotografisch mit einem Umweltthema beschäftigen, da ich den Klimawandel als das zentrale Problem unsere Generation sehe. So bin ich dann bei meiner Recherche auf das Problem von austrocknenden Seen gestoßen. Die Desertifikation – ein globales Problem, oft unterschätzt. Und vor allem der Iran hat große Wasserprobleme. Ein trauriges Beispiel für diese schwerwiegende Krise ist der Urmia-See im Nordwesten des Landes. Gehört hatte ich von ihm vorher nichts, war aber über die Dimension der Katastrophe überrascht: Der See, ursprünglich etwa zehnmal so groß wie der Bodensee, ist in den letzten Jahrzehnten um 80 Prozent geschrumpft. Wie konnte es sein, dass ich davon noch nie etwas gehört hatte?

Die normale Gastfreundschaft

Wenige Wochen später lande ich in der Provinzstadt Van in der Türkei, unweit der Grenze zum Iran. Die Sonne ist gerade aufgegangen, es ist ein früher Septembermorgen im Jahr 2018. Kurz darauf sitze ich irgendwo in der Innenstadt und werde von einem Mann etwa in meinem Alter zu einem Tee eingeladen. Dank Google-Übersetzer können wir uns halbwegs verständigen. Er möchte auch in den Iran, seine Familie besuchen. Zusammen fahren wir zur Grenze, ich freue mich wie ein kleines Kind. Lange habe ich davon geträumt, einmal in den Iran zu reisen.

Rahim, der als Schäfer arbeitet, sitzt zuhause, während seine Mutter das Gemüse wäscht.
Foto: Maximilian Mann, DOCKS Collective

Hinter der Grenze wird mein neuer Bekannter schon von seiner Familie erwartet. Und ich dann auch. Das kleine Auto ist eigentlich schon mehr als voll. Unser Gepäck passt nur hinein, weil die hintere Klappe mit einem Seil so befestigt wird, dass nichts hinausfällt. Mittags werde ich zum Essen eingeladen. Und ich soll unbedingt bei der Familie zu Hause übernachten. So beginnt meine Zeit im Iran. Dass diese Gastfreundschaft im Land Normalität ist, erfahre ich in den nächsten Tagen und Monaten auf beeindruckende Weise.

Unterstützung durch Freunde

Kontakte für meine fotografische Arbeit zu gewinnen war daher so einfach wie bei keinem anderen Projekt bisher. Über die Plattform Couchsurfing durfte ich Leute kennenlernen, ebenso über Instagram. Insgesamt hatte ich so schon im Vorfeld etwa 45 Hilfsangebote. Was für ein Geschenk. In den nächsten Wochen knüpfe ich viele Freundschaften. Ich merke: Ohne die unglaubliche Unterstützung von zwei guten iranischen Freunden könnte ich mein Projekt „Fading Flamingos“ nicht wie geplant umsetzen. Sie übersetzen, fahren mit dem Auto in die Dörfer, organisieren Treffen mit NGOs oder Wissenschaftler*innen. Ohne sie hätte ich vieles nicht erreicht, sie haben einen großen Anteil an meiner Arbeit.

Foto: Maximilian Mann, DOCKS Collective

Die Stille der Salzwüste

Beinahe täglich fahre ich nun zum See. Oder das, was von ihm übriggeblieben ist. Es ist traurig zu sehen, wie weit das Wasser mittlerweile von den einstigen Ufern entfernt ist. Ich erinnere mich noch gut an diese absolute Stille in der Salzwüste. Kein Auto, kein Vogel und keine Stimmen. Nur Sonne und Salz. Schnell merke ich: Diese melancholische Schönheit, die Diskrepanz zwischen der Katastrophe und der Schönheit der Natur, will ich in den Fotos sichtbar machen.

Männer treffen sich in einem traditionellen Hammam in der Nähe des Sees.
Foto: Maximilian Mann, DOCKS Collective

Ich werde in den nächsten Wochen auf unzähligen Teppichen schlafen, unglaublich viel Tee trinken und mit den Jugendlichen in den modernen Cafés der Stadt Urmia diskutieren. Über Politik, Religion und natürlich die Umweltkatastrophe des Sees. Denn jede*r hier hat Erinnerungen an den Urmia-See. Er ist nicht nur wichtig für das Ökosystem der ganzen Region, sondern hat auch eine emotionale und identitätsstiftende Bedeutung für viele Bewohner*innen. Immer wieder fahre ich zu den kleinen Dörfern an seinen Ufern. Mehr und mehr Menschen ziehen hier weg. Salzwinde breiten sich aus und lassen Land und Gärten vertrocknen. Ich fotografiere in den ersten drei Wochen viel, oft sind es zufällige Begegnungen mit Landwirt*innen, die mich bei meinem fotografischen Projekt weiterbringen. Von ihnen lerne ich viel über die täglichen Probleme und Hoffnungen.

Mein Ziel: Ich will mehr über die Menschen erfahren, sie öfters besuchen und die unterschiedlichen Jahreszeiten erfahren. Die Blätter fallen im Oktober 2018 von den Bäumen, von der Hitze ein paar Wochen zuvor ist nicht mehr viel übrig. Es wird kälter, regnet viel und die Landwirt*innen erledigen die letzten Arbeiten auf dem Feld.

Maximilian Mann.
Foto: Johannes Glinka

Bilder vom Alltag

Im Winter reise ich erneut in den Iran. Früher, so erzählen mir die Menschen, soll über Wochen Schnee in der Gegend gelegen haben, heute höchstens noch ein paar Tage im Jahr. Der weniger werdende Niederschlag wird jetzt auch visuell sichtbar. In den nächsten Tagen fotografiere ich in einem traditionellen Hammam oder bringe Protagonist*innen gedruckte Bilder vorbei, die ich bei der letzten Reise fotografieren konnte. Nebenher fotografiere ich sie in ihrem Alltag: beim Kochen, beim Fernsehen, beim Melken der Tiere.

Doch es wird auch schwieriger, neue Motive zu finden. Bei dem kalten Wetter sind kaum noch Menschen unterwegs, das Leben spielt sich in den privaten Räumen ab. Nach gut zwei Wochen im Januar 2019 heißt es erneut Abschied nehmen. Abschied von einem Land, das mich sehr oft begeistert und manchmal auch fassungslos macht mit all seinen politischen Widersprüchen. Abschied von einem See, der traurig macht und gleichzeitig doch so schön ist. Und Abschied von so vielen tollen und gastfreundlichen Menschen, die ich während des Projekts kennenlernen durfte. Dafür bin ich sehr dankbar.

Autor: Maximilian Mann

 

Maximilian Mann berichtet am Donnerstag, 8. April, ab 19 Uhr von seinem Projekt. Die Veranstaltung findet online statt. Zugangslink hier anfordern: worldpressphoto@mediavanti.de

Maximilian Mann ist studierter Dokumentar- und Porträtfotograf. Er absolvierte sein Studium an der Fachhochschule Dortmund und ist Mitgründer des fünfköpfigen Fotokollektivs DOCKS Collective. In seinen Reportagen beschäftigt er sich hauptsächlich mit Themen des gesellschaftlichen, sozialen und ökologischen Wandels. Er wurde für seine Arbeiten bereits mehrfach ausgezeichnet und veröffentlichte sie in zahlreichen Zeitungen und Magazinen, u.a. Stern, Spiegel und Die Zeit. 

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Gastautor*in

Wir lassen in unserem Magazin nicht nur unsere festen Teammitglieder, sondern auch Praktikant*innen und Fotograf*innen zu Wort kommen. Ihre Beiträge werden dann am Ende des Textes namentlich gekennzeichnet.

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