„Ich sehe mich als Zeugin.“
Interview mit Kiana Hayeri zu ihrer Reportage über das Leben afghanischer Frauen unter der Taliban-Herrschaft
Die iranisch-kanadische Fotografin Kiana Hayeri hat mit No Woman’s Land 2025 einen World Press Photo Award in der Region West-, Zentral- und Südasien gewonnen. In ihrer Reportage zeigt sie das Leben der Frauen in Afghanistan nach der erneuten Machtübernahme durch die Taliban. Hayeri hat in den 2010er-Jahren selbst im Land gelebt und gearbeitet. Für No Woman’s Land kehrte sie 2024 nach Afghanistan zurück und sprach mit über 100 Frauen* und Mädchen über ihr Leben unter der Taliban-Herrschaft. Entstanden ist eine vielschichtige Fotoserie, die behutsam von Widerstand, Hoffnung und geplatzten Träumen erzählt.
Kiana, was hat dich dazu inspiriert, die Reportage No Woman’s Land zu fotografieren?
Kiana Hayeri: Das Projekt ist entstanden aus den gut zehn Jahren, in denen ich in Afghanistan gelebt und gearbeitet habe. Ich habe in dieser Zeit beobachtet, wie das Leben von Frauen durch Politik, Konflikte und das tägliche Ringen um Würde geprägt wurde. Als die Taliban an die Macht zurückkehrten, brach der Freiraum der Frauen fast über Nacht zusammen. Ich verspürte den dringenden Bedarf, festzuhalten, was geschah – nicht durch Schlagzeilen, sondern durch die leisen, intimen Momente, die zeigen, wie die Frauen in Afghanistan weiterhin leben, lieben und Widerstand leisten. No Woman’s Land ist mein Versuch, von den Menschen eines Landes zu erzählen, das durch den Blick von außen oft eindimensional dargestellt wird.
Wie hast du das Vertrauen der Frauen gewonnen, die du fotografiert hast?
Hayeri: Das Vertrauen ist mit der Zeit durch meine Anwesenheit gewachsen. Ich spreche Dari und habe viele Jahre in Afghanistan gelebt, ich kam also nicht als Fremde an. Meine Kollegin Melissa Cornet und ich kehrten oft zu denselben Orten und Communitys zurück, manchmal ohne ein einziges Foto zu machen. Wir hörten mehr zu, als zu fotografieren. Viele Frauen waren noch nie zuvor fotografiert worden, also haben wir immer erklärt, was wir machen und warum wir es machen. Wir haben uns das Vertrauen der Frauen langsam erarbeitet – durch Beständigkeit, Ehrlichkeit und Fürsorge.
Wie habt ihr eure eigene Sicherheit in Afghanistan während des Projekts gewährleistet? Habt ihr euch jemals unsicher gefühlt?
Hayeri: Das Thema Sicherheit haben wir ständig mitbedacht. Wir sind unauffällig gereist und haben es vermieden, Aufmerksamkeit zu erregen. Wir haben uns auf unser eigenes Wissen über das Land, jahrelange Beziehungen und Freund:innen vor Ort gestützt, die die Risiken verstehen. Es gab Momente, die sich unsicher angefühlt haben, besonders nachdem die Atmosphäre im Land angespannter und unvorhersehbarer wurde. Aber uns war auch klar, dass unser Risiko zu keinem Zeitpunkt mit dem vergleichbar war, dem die Frauen in Afghanistan täglich ausgesetzt sind. Diese Erkenntnis hat mich geerdet.
Gibt es eine Begegnung, die einen nachhaltigen Eindruck bei dir hinterlassen hat, persönlich oder beruflich?
Hayeri: Es gibt einen Moment, der mich tiefer berührt hat als alles andere. Ich habe eine Mutter und ihre Tochter in ihrem Zuhause in Kabul fotografiert, Wazhmah und Tahmeena. Ihre Geschichte umfasst zwei Generationen voller Verlust und unerfüllter Träume. 1998, als die Taliban zum ersten Mal Mazar-e Sharif einnahmen, war Wazhmah neunzehn. Sie hatte gerade die Schule beendet, die afghanische Hochschulaufnahmeprüfung Kankor bestanden und war damit zum Studium der Landwirtschaft an der Universität zugelassen worden. Sie war bereit, ihr Leben zu beginnen. Als die Taliban die Universitäten für Frauen schlossen, brach Wazhmahs Zukunft in sich zusammen. Sie heiratete, zog ihre Kinder groß und steckte all ihre Kraft in deren Ausbildung – in dem Glauben, dass das, was ihr genommen wurde, für ihre Kinder möglich sein würde.
Aber die Taliban kamen Wazhmahs Träumen erneut in die Quere …
Hayeri: Genau. Im Jahr 2021 legte ihre jüngste Tochter Tahmeena die Kankor ab und wurde am Medizinischen Institut der Universität Kabul aufgenommen. Für einen kurzen Moment konnte ihre Familie sich darüber freuen, dass Wazhmahs Traum diesmal Wirklichkeit werden könnte. Doch dann wiederholte sich die Geschichte. Als die Taliban 2022 Frauen den Universitätsbesuch verboten, musste Tahmeena zu Hause bleiben – genau wie ihre Mutter Jahrzehnte zuvor. Als ich sie fotografierte, war die Schwere im Raum fast körperlich spürbar. Wazhmah sagte mir: „Meine Jungs können weiterhin studieren. Aber ich möchte, dass auch Tahmeena ihre Träume verwirklicht, besonders weil ich es nicht konnte.“ Und Tahmeenas Vater erzählte mir später, dass er sich manchmal wünschte, sein Heimweg wäre länger, weil es für ihn kaum zu ertragen war, jeden Abend mit der Traurigkeit seiner Tochter konfrontiert zu werden.
Wie hat die Begegnung mit Wazhmah und Tahmeena deine Arbeit an No Woman’s Land beeinflusst?
Hayeri: Das Echo der unterbrochenen Zukunft einer Frau im Leben ihrer Tochter zu erleben, hat mich verändert. Es hat mir bewusst gemacht, dass das, was in Afghanistan geschieht, nicht nur politisch ist. Es hat generationsübergreifende Auswirkungen. Es löscht Möglichkeiten und Hoffnungen aus, die Familien über Jahrzehnte hinweg genährt haben. Meine Begegnung mit Wazhmah und Tahmeena bildet das emotionale Rückgrat von No Woman’s Land und wird auch in Zukunft beeinflussen, wie ich fotografiere, zuhöre und Geschichten erzähle.
Welche Rolle spielt deiner Meinung nach die Fotografie, wenn es darum geht, das Leben der Frauen in Afghanistan darzustellen?
Hayeri: Fotografie beeinflusst, wie Menschen Orte wahrnehmen, die sie vielleicht nie selbst besuchen werden. Über Jahre hinweg schwankten die Darstellungen von Frauen in Afghanistan zwischen Opferrolle und Symbolik. Ich wollte diese Frauen als vielschichtige Menschen zeigen – mit Handlungsmacht, Humor, Frustration und Träumen. Ich sehe mich selbst dabei nicht als Aktivistin. Ich sehe mich als Zeugin. Aber ich glaube, dass ehrliches, nuanciertes Storytelling unsere Wahrnehmung auf bedeutsame Weise verändern kann. Und wenn das zu einem Bewusstseinswandel beiträgt, begrüße ich das.
Wie haben die Frauen, die du fotografiert hast, auf deine Aufnahmen reagiert?
Hayeri: Wenn möglich, habe ich die Bilder mit ihnen geteilt. Aber das war nicht oft der Fall, da viele dieser Frauen keinen regelmäßigen Internetzugang oder kein Smartphone haben. Diejenigen, die meine Arbeit gesehen haben, waren überrascht, sich selbst in einer gewissen Weichheit dargestellt zu sehen.
Was bedeutet dir der World Press Photo Award?
Hayeri: Diese Auszeichnung ist natürlich eine Ehre. Aber sie schafft auch Raum dafür, dass meine Arbeit weiterreist und Menschen erreicht, die sich sonst vielleicht nicht damit beschäftigt hätten. Auszeichnungen sind kein Maß für Wert. Sie sind eine Gelegenheit. Mir hat der World Press Photo Award bestätigt, dass Geschichten aus dem Alltagsleben in Afghanistan wichtig sind und ein globales Publikum verdienen.
Was sollen Ausstellungsgäste aus deiner Reportage No Woman’s Land lernen?
Hayeri: Ich hoffe, dass die Betrachter:innen verstehen, dass das Leben selbst unter den härtesten Bedingungen weitergeht. Frauen in Afghanistan sind nicht nur durch das definiert, was ihnen genommen wurde. Sie empfinden Freude, leben „Sisterhood“ – eine ganz besondere Art weiblichen Zusammenhalts –, und gestalten ihre Welt weiterhin auf Weisen, die oft unsichtbar bleiben. Ich möchte, dass Betrachter:innen diese Komplexität sehen und erkennen, dass das Narrativ, das wir bisher vermittelt bekommen haben, unvollständig ist.
Wirst du nach Afghanistan zurückkehren, um diese Arbeit fortzusetzen?
Hayeri: Ich hoffe es – im Moment muss ich jedoch wegen eben dieses Projekts vorsichtig sein und Afghanistan vorerst fernbleiben. Aber ich hoffe, dass ich zurückkehren kann. Hoffentlich eher früher als später.
An welchen anderen Projekten arbeitest du zurzeit?
Hayeri: Ich arbeite an einer Langzeitserie namens Shattered Classrooms: The Global Assault on Learning. Sie hat in Afghanistan begonnen und dokumentiert, wie Konflikte, Extremismus und politische Entscheidungen Bildung beeinträchtigen. Ich habe gerade das nächste Kapitel in der Ukraine fotografiert und hoffe, bald weitere Regionen einzubeziehen, in denen Schulen unter Druck stehen oder angegriffen werden. Außerdem arbeite ich an mehreren kürzeren Geschichten, darunter ein Porträt syrischer Jugendlicher in und um Damaskus. Bildung, Resilienz und die leisen Arten des Widerstands, mit denen sich Menschen gegen Einschränkungen stemmen, prägen also weiterhin meine Arbeit.


