Mit Kunstvermittlern die Weltpressefotos erleben

Ja, Bilder sagen mehr als 1000 Worte. Gerade bei den Weltpressefotos, die noch bis zum 12. März 2017 im Oldenburger Schloss zu sehen sind, helfen ergänzende Informationen jedoch dabei, die abgebildeten Geschehnisse besser zu erfassen. Wer ist der Fotograf? In welchem soziopolitischen Kontext ist das Bild entstanden? Welches Problem wird thematisiert? Über die fest installierten Bildbeschreibungen hinaus liefern die Kunstvermittler und Museumspädagogen tiefgreifende Einblicke in die Geschichten hinter den Pressefotos. Wir haben mit zwei Mitarbeiterinnen genau darüber gesprochen.

„Der direkte Austausch, das Gespräch mit Besuchern gefällt mir besonders gut“, beschreibt Vanessa Reis den Kern ihrer Arbeit. Seit einem Jahr arbeitet die 30-Jährige hauptberuflich in der Kunstvermittlung. Ihr Heimathafen ist eigentlich der Oldenburger Kunstverein – doch für die World Press Photo-Ausstellung gibt sie ein Gastspiel am Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg. Genau genommen kehrt die ehemalige Studentin der Kunst- und Medienwissenschaften jedoch zurück an einen Ort, den sie bereits aus einem Praktikum kennt – damals warf sie einen Blick in die Provenienzforschung im Schloss. „Kunstvermittlung mache ich momentan viel lieber, als nach verschollenen Gemälden zu suchen – auch wenn mich das weiterhin brennend interessiert.“ Während der 23-tägigen Laufzeit führt sie 20 Mal durch die Ausstellung der Weltpressfotos.

Vor allem gefällt der Zetelerin aber – ganz pragmatisch in Bezug auf ihre Arbeit ­– die Hängung der Bilder: „In der World Press Photo-Ausstellung kann man ganz wunderbar Geschichten erzählen“, erklärt Reis. Auch bei Fotografien, die vielleicht auf den ersten Blick nicht zusammenpassen, macht es das Layout der Ausstellung möglich, trotzdem einen thematischen Bogen zu spannen. Beispielhaft nennt sie die Fotografie, die eine Smogglocke über dem chinesischen Tianjin zeigt. „Ich spreche bei diesem Foto über menschengemachte Umweltbedrohungen und komme danach zu einem Bild von Mauricio Lima, das direkt daneben hängt. Es zeigt spielende Kinder des indigenen Munduruku-Stamms in Brasilien am Tapajós – einem der letzten ungestauten Flüsse im Amazonasgebiet.“ Ein großer Staudamm war geplant – doch nach Protesten wurde das Infrastrukturprojekt gestoppt. Es hätte mit einem Wasserbecken von der Größe New Yorks die Lebensgrundlagen der Munduruku zerstören und ihre Traditionen massiv bedrohen können. Was zu dieser politischen Situation zum Zeitpunkt der Preisvergabe an dieses Foto noch nicht klar war, erzählt Vanessa Reis in ihrer Führung: „Glücklicherweise haben die Munduruku Unterstützer gefunden und konnten so die Konsequenzen dieses drastischen Eingriffs in ihren Lebensraum verhindern.“

Insgesamt führen fünf Vermittler durch die World Press Photo-Ausstellung: „Interessanterweise zeigen wir alle ganz unterschiedliche Fotos“, stellt Vanessa Reis fest. Besonders wenn mehrere Führungen gleichzeitig durch die Ausstellung gehen, brauche man auch kurzfristige Abwege vom geplanten Pfad „um sich nicht gegenseitig in die Quere zu kommen.“ Spontan auf solche Gegebenheiten reagieren zu können sei besonders an stark besuchten Wochenenden sehr wichtig.

 

 

 

Während einer Schulführung hat die Kunstvermittlerin außerdem eine sehr berührende Situation miterlebt. In jenem Ausstellungsraum, der vor allem Bilder von Geflüchteten zeigt, kapselte sich ein Jugendlicher gegen Ende ein wenig ab und kommentierte: „Ich bin auch in so einem Boot gekommen. In einem Schlauchboot. Und es war saukalt.“ Die Mitschüler versammelten sich um ihn herum, während er von seinen Erlebnissen auf offenem Meer erzählte. „Genau solche Situationen zeigen einmal mehr, dass die World Press Photo-Ausstellung zum Austausch anregt.“ Jeder könne eben etwas mit den Inhalten anfangen – schließlich ist man Zeitzeuge.

Auch Eva Frömchen gehört zum Team, das die Hintergründe und Geschichten zu den preisgekürten Pressefotos an die Besucher vermittelt. Die Kunsthistorikerin ist seit 15 Jahren im Oldenburger Schloss als Museumspädagogin tätig. Dazu gekommen ist sie – wie ihre Kollegin Vanessa Reis – ebenfalls über ein Praktikum im Landesmuseum. Heute arbeitet sie vor allem mit Kindern und Jugendlichen und ist im Schloss für die Vermittlung der Landesgeschichte zuständig. „In meiner alltäglichen Arbeit blicke ich in die Vergangenheit und erzähle von Graf Anton Günther oder vom Nationalsozialismus.“ An der World Press Photo-Ausstellung reize sie besonders die Möglichkeit, vielfältiges Wissen weiterzugeben. „Bei den Weltpressfotos geht es um Zeitgeschehen – und das löst bei jedem Betroffenheit aus.“ Erwachsenen könne sie dabei weitaus mehr Informationen vermitteln als in ihrer regulären Arbeit mit Kindern.

 

 

 

Auf die Ausstellung habe sich die 55-Jährige intensiv vorbereitet: „Die Informationen aus dem Katalog habe ich förmlich aufgesogen und auch darüber hinaus weiter recherchiert – und zum Beispiel Interviews mit den Fotografen der preisgekrönten Bilder gelesen.“ Der Kunsthistorikerin ist es wichtig, die Fotografien nicht nur beschreiben, sondern so viel wie nur möglich über ihren Kontext weitergeben zu können. „Ich kann Führungen erst machen, wenn ich die entsprechende Ausstellung selbst tief verinnerlicht habe“, betont sie. Staubtrockene Daten und Fakten zu rezitieren genüge ihr nicht. Es gehe darum, Emotionen zu vermitteln. „Faszinierend ist auch, dass diese Ausstellung ein unglaublich buntes Publikum anzieht: Von Schülern und Studenten über junge Familien bis hin zu Geschäftsleuten und Rentnern.“ Während einer Führung für angehende FotografInnen im dritten Lehrjahr hatte Eva Frömchen selbst auch die Chance, neue Perspektiven kennenzulernen. „Mich hat beeindruckt, dass diese jungen Fotografen mit einem ganz anderen, gestalterischen Blick auf die Werke schauen.“ Daraus habe sich fesselndes, fachliches Gespräch über die Dynamik in Warren Richardsons Siegerfoto „Hope for a New Life“ ergeben.

Beide Vermittlerinnen sind sich einig: „Am Ende braucht es bei dieser Ausstellung einen versöhnlichen Abschied, um sich von den vielen erschütternden und teilweise brutalen Eindrücken der World Press Photo 16 zu verabschieden.“ Während Vanessa Reis ihre Führungen gern mit der Fotoserie zum buddhistischen Bliss Dharma-Fest enden lässt, wählt Eva Frömchen am liebsten die Reihe über senegalesisches Wrestling, der beliebtesten Sportart des afrikanischen Landes.

Insgesamt fünf VermittlerInnen beschreiten mit ihren Gruppen ganz unterschiedliche Wege durch die Ausstellung – alle sind gleichermaßen spannend. Eine Führung lohnt sich – Informationen darüber erhalten Sie telefonisch unter (0441) 220 73 44.

 

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Julia Makowski

Angefangen hat es 2016 mit einem Praktikum. Heute ist Julia Makowski festes Teammitglied der Agentur Mediavanti und Organisationsleiterin der World-Press-Photo-Ausstellung Oldenburg. Ihre größte Stärke: Alle Fäden so zusammenlaufen lassen, dass Rahmenprogramm, Engagement der Sponsoren und Social-Media-Marketing ein stimmiges Ganzes ergeben.

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