Nichts als die Wahrheit?

Pressefotos sollen uns die Wahrheit zeigen, nichts als die reine Wahrheit. Ein Zeitungs- oder Magazinbild soll eine Situation exakt so festhalten, wie sie passierte. Das erwartet der Leser, und da steht für Foto-Journalisten die Glaubwürdigkeit auf dem Spiel. So mancher verlor seinen Job, als bekannt wurde, dass ein Bild gezielt verändert worden war, um es spektakulärer wirken zu lassen. Aber. Pressefotos sollen eben auch aufrütteln. Sie sollen Qualen, Abgründe, Leid und Gewalt zeigen, die den Leser anrühren und vielleicht sogar zum Umdenken anregen. Und das geht weniger gut, wenn sich ein blauer Himmel mit fluffigen Schäfchenwolken über eine grausame Kriegsszenerie spannt.

Was also, wenn diese Szenerie klarer wird, sobald hier ein störendes Detail entfernt und dort das Licht etwas dramatisiert wird? Oder der Fotograf eine eben gesehene Szene nachstellt, weil er nicht schnell genug abdrücken konnte? Ist das noch authentisch oder schon Manipulation? Kommt es auf die gewollte Aussage des Fotos, auf die Message des Fotografen an oder auf die dokumentarische Echtheit und Unverfälschtheit der Bilder?

Das Hohelied der Unberührtheit singt in der Branche kaum noch jemand, denn die technischen Möglichkeiten wachsen stetig. Viele Bildmanipulationen sind selbst für Fachleute nicht mehr zu erkennen. Bei welchen Veränderungen aber sollte ein Bild nicht mehr veröffentlicht werden dürfen? Bei welchen Retuschen verliert ein Fotograf zu Recht seinen Job? Ganz global gefragt: Wie steht es um die Verantwortung im Fotojournalismus?

Über die Frage „Wie echt ist die Wirklichkeit?“ diskutierten gestern im Rahmen der World Press Photo-Ausstellung drei Experten im Hörsaal des OFFIS-Instituts: Peter Bialobrzeski, Professor für Fotografie an der Hochschule für Künste Bremen, selbst bereits Award-Gewinner und auch Jury-Mitglied der World Press Photo Contests; Martin Stromann, Leiter der Bildredaktion beim Ostfriesland Magazin, und der freie Fotograf Markus Hibbeler.

Moderator Claus Spitzer-Ewersmann verriet gleich zu Beginn, dass rund 20 Prozent der eingereichten Fotos um das beste Pressefoto 2015 disqualifiziert wurden, weil sie nachträglich verändert worden waren. Bialobrzeski zeigte Bildbeispiele, die das Dilemma erst auf den zweiten Blick deutlich machten: berühmte Aufnahmen, die sich im Nachhinein als manipuliert erwiesen. Seine ernüchternde These: Mit den heutigen technischen Möglichkeiten der Bildbearbeitung ist die Schlacht um die Wahrheit gar nicht mehr zu gewinnen. Was gemacht werden kann, werde auch gemacht; alle Diskussionen um Wahrheit im Fotojournalismus seien daher allenfalls Rückzugsgefechte.

Fotografen nämlich können sich hier gleich auf drei Ebenen austoben, erklärte Stromann: bei der Vorbereitung, beim Fotografieren selbst und bei der Nachbearbeitung. Die Möglichkeiten sind vielfältig und werden heute in vielen Medien (und übrigens auch bei der World Press Photo Foundation) durch professionelle Foto-Forensiker aufgespürt, bevor man wichtige Bilder veröffentlicht.

Markus Hibbeler, als Fotograf für viele Medien und Agenturen unterwegs, erläuterte, dass schon mit den allgemein als legitim anerkannten Methoden wie Bildschnitt, Licht und Kontrast ein Bild in seiner Aussagekraft enorm verändert werden kann. Da müssten Fotojournalisten gar nicht mal so tief in die Trickkiste greifen. Die Bildauswahl durch die Redaktionen tue dann ein Übriges. Diese Erfahrung macht auch Bialobrzeski. Medien verfolgen immer ein bestimmtes Interesse, Bilder dienen einem Zweck, einer politischen Aussage: „Leider Gottes müssen wir alle Bilder anzweifeln.“ Doch man müsse unbedingt auch die Haltung eines Fotografen hinter der Bildbearbeitung anerkennen, denn hinter jeder Manipulation stehe eine Absicht, ein Ziel, auf das es letztlich ankomme und eben nicht nur auf unverfälschte Authentizität.

Nicht zuletzt stünden die Medien unter dem ungeheueren Druck, so Hibbeler, sofort nach einem Ereignis mit Fotos zur Stelle sein zu müssen. Nach Terroranschlägen etwa wird daher sogar auf Handy-Aufnahmen von Passanten zurückgegriffen, die früher am Ort sind als die Fotografen. Sich in diesem Umfeld gegen die harte Konkurrenz zu behaupten, gehe an der Arbeit von Fotografen und Redaktionen nicht spurlos vorbei.

So einfach ist die Sache mit der Echtheit also nicht, die Grenzen sind fließend, die Wahrheit ist – wie auch im Rechtssystem – ein dehnbarer, interpretierbarer Begriff. Die Rollen von Gut und Böse sind nicht so klar verteilt, wie es auf den ersten Blick scheinen mag und die Leser es gern hätten. Das machten auch die zahlreichen Wortmeldungen und Fragen aus dem sehr konzentrierten Publikum deutlich, bei denen es in Variationen immer wieder um die Frage nach verbindlichen Grenzen der Bildmanipulation ging. Die aber sind eben nicht klar definiert.

Die Diskussion machte deutlich, dass es einfache Lösungen und Entscheidungen hier nicht geben kann. Die Frage, wie viel Wirklichkeit wir denn gern hätten, muss immer wieder neu ausgehandelt und letztlich am Einzelfall entschieden werden. Klar ist: Die technischen Möglichkeiten für Manipulationen aller Art werden weiter wachsen. So lassen sich Fotos inzwischen komplett virtuell am PC erstellen, wie Bialobrzeski an eindrücklichen Beispielen zeigte. Es kommt dann eher auf die Haltung des Fotografen an, auf das, was er uns zeigen und mitteilen möchte. Wenn man so will, auf seine subjektive Wahrheit und Wahrhaftigkeit. Oder, um es mit den Worten des renommierten deutschen Fotografen Andreas Gursky zu sagen: „Man kann die Realität überhaupt nur zeigen, indem man sie konstruiert.“

Und: Der Leser, also jeder Einzelne von uns, sollte sich selbst kritisch fragen, ob er wirklich immer nur die reine Wahrheit sehen möchte – oder vielleicht doch lieber diese dramatischen Bilder, die im Gedächtnis bleiben. Ziehen wir nicht doch den schnellen visuellen Kick vor? Mausklicks und der Griff am Kiosk sprechen da eine klare Sprache. Und Medien bedienen eben auch das. So bleibt am Ende zwar die Bereitschaft, sich von Bildern und der Botschaft der Fotografen anrühren zu lassen, doch dann trotzdem nichts für wahr zu halten – das cartesianische Prinzip: de omnibus dubitandum. An allem ist zu zweifeln. Übrigens auch am Wort.

Eine Wendung ins Positive wagte am Schluss Martin Stromann mit dem Hinweis, dass durch gezielte, offensichtliche Manipulationen wie etwa Bildmontagen die Aussage eines Fotos enorm verdichtet werden könne. Witzige, überraschende Bilder könnten so auf einen Blick eine ganze Geschichte erzählen oder komplexe Fragen deutlich machen. Hier seien der Kreativität kaum Grenzen gesetzt.

Bei aller Kurzweil, Informationsdichte und Einigkeit des Podiums hätte man sich allerdings doch etwas mehr Kontroverse gewünscht. Vielleicht auch einen puristischen Chefredakteur, der noch an die Wahrheit glaubt und sie mit aller Konsequenz einfordert. Einer, der seinen Fotografen feuert, wenn er die Schäfchenwolken über dem Kriegsschauplatz rausretuschiert. So sorgte die Harmonie der Diskutierenden zwar für eine aufgeräumte Stimmung im Saal, etwas mehr Streit allerdings hätte ihr die nötige Würze gegeben.

Text: Eva Tenzer

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