Dem Alltag das Besondere entlocken

Warum Streetfotografie gerade das große, heiße Ding ist. Und das schon länger.

Foto: Reimund Belling

Street Photography ist eine Fotografie des Alltäglichen. Doch gerade hierin stecken oftmals ganz besondere Momente. Wie diese Momente festgehalten werden können und was das Fotografieren auf der Straße ausmacht, haben wir die drei Oldenburger Streetfotografen Reimund Belling, Alexander Hesse und Dirk Marwede gefragt.

Wie lautet deine persönliche Definition von Streetfotografie?
Dirk Marwede: Für mich ist Streetfotografie, das Besondere im Alltäglichen zu sehen, wobei dies in der Regel den öffentlichen Raum betrifft. Dazu gehören Menschen oder zumindest menschliche Artefakte. Vor diesem Hintergrund kann die Streetfotografie nahezu überall stattfinden, was aber das Besondere an einer Szene ist, kann unterschiedlich empfunden werden und ist oft auch individuell. Eine Szene zu sehen, daraus etwas abzuleiten, ein Bild zu gestalten und es dann auch zu machen, ist ein wunderbar kreativer Prozess.
Seit wann beschäftigst du dich selbst mit Streetfotografie und wie bist du dazu gekommen?
Reimund Belling: Es war wohl Intuition. Mit meiner ersten Kamera bin ich Anfang der 80er-Jahre oft in Oldenburg unterwegs gewesen. Ohne große Vorkenntnisse und theoretischen Hintergrund habe ich Menschen und Szenen in der Innenstadt fotografiert. Als Zeitungs- und später Fernsehredakteur ist dann noch eine journalistische Sichtweise hinzugekommen. Straßenfotograf nenne ich mich seit ungefähr 20 Jahren. Auch wenn ich immer mal wieder andere Schwerpunkte hatte: Einige meiner frühen Fotos zeigen schon alle Elemente der Streetfotografie.
Was reizt dich an der Streetfotografie?
Alexander Hesse: Da gibt es mehrere Aspekte, die reizvoll sind. Als Streetfotograf ist man als unauffälliger Beobachter unterwegs und sucht Orte auf, an denen sich vielleicht etwas Spannendes oder Außergewöhnliches ereignet. Die Beobachtung schult ungemein das fotografische Auge und mit der Zeit sieht man Dinge, die man als normaler Passant nicht wahrgenommen hätte. Man lernt Menschen spontan in Szene zu setzen, ohne dass sie es selbst bemerken. Reizvoll sind auch die verschiedenen Stilrichtungen. Die einen mögen es, Menschen im Kontext vor einer minimalistischen Architektur zu fotografieren, andere konzentrieren sich auf Porträts. Die sogenannten Street Portraits kann man unterteilen in Candid Portraits, bei denen das Sujet nicht merkt, dass es porträtiert wird, und Porträts, bei denen man sein gegenüber danach fragt. Beides hat für mich seinen Reiz.
Was würdest du jemandem raten, der mit Streetfotografie beginnen möchte?
Alexander Hesse: 1. Beherrsche Deine Kamera: Ziel ist es, sich später nicht mehr mit der Technik auseinandersetzen zu müssen, um sich voll und ganz auf sein Umfeld konzentrieren zu können. 2. Finde ein Thema: Das kann zum Beispiel eine Farbe sein, auf die man speziell achtet. Im Optimalfall lässt sich daraus eine kleine Serie basteln. 3. Lerne Regeln der Bildgestaltung: Dazu gehört die Regel des Goldenen Schnitts oder die Drittelregel. Auch das Thema Schärfentiefe bietet interessante Gestaltungseffekte. 4. Spiel mit dem Licht! Am Anfang fällt es leichter, wenn man bei bewölktem Himmel rausgeht. Später ist auch harsches Sonnenlicht mit harten Schatten interessant. 5. Vorbilder: Schaut Euch Bilder von bekannten Streetfotograf*innen an, nehmt an einem Workshop oder einem Foto-Streetwalk teil.
Was sind deine liebsten Motive und Orte, an denen du fotografierst?
Dirk Marwede: Meine liebsten Motive zeigen Menschen in ihrem urbanen Umfeld natürlich unter Berücksichtigung des Lichtes. Wenn eine Aktion oder eine Geste dabei ist, wird eine Szene schnell besonders. Ich finde es reizvoll, wenn der Kontext einer Szene nicht sofort klar wird oder beim Betrachten zum Nachdenken anregt. Mein liebster Ort ist der, an dem ich Inspiration finde. Das sind oft Orte, an denen ich vorher noch nicht war. Streetfotografie geht letztlich überall und es ist auch immer eine Frage, was man daraus macht.
Wir sind bei der Recherche kaum auf Streetfotografinnen gestoßen. Ist das ein Männerding?
Reimund Belling: Diane Arbus, Lisette Model, Vivian Meyer, Barbara Klemm sind Ikonen weiblicher Streetfotografie. Heute sind Frauen in der Tat weniger vertreten. Vielleicht schreckt sie die zunehmende Feindseligkeit gegenüber Fotografen auf der Straße ab.
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Reimund Belling

Der gebürtige Oldenburger ist analog unterwegs in der Tradition der klassischen Street- und Reportage-Fotografie. Er fotografiert ausschließlich auf Schwarz-Weiß-Film mit Kleinbild- und Mittelformatkameras. Die Abzüge entstehen im eigenen Fotolabor, vergrößert wird auf klassischem Barytpapier.

Alexander Hesse

Alexander Hesse hat am liebsten Menschen vor der Kamera – von ganz klein bis ganz groß. Für ihn sind es die immer wieder verschiedenen Charaktere, die den Reiz seiner Arbeit ausmachen. Neben seiner Arbeit als Fotograf ist er seit über 20 Jahren als Produktentwickler bei der Firma Invento tätig.

Dirk Marwede

Der Oldenburger Street-Fotograf sieht sich selbst als Beobachter aus Leidenschaft. Er liebt es, seine Umgebung zu entdecken und einzufangen, was seine Aufmerksamkeit erregt. Dies versteht er als Reise zu sich selbst: um zu verstehen, was er tut, warum er es tut und herauszufinden, was seine Fotos ausdrücken.

Lust auf mehr? 

Einen Einblick in seine Arbeit als Streetfotograf gibt Marco Larousse, einer der bekanntesten Straßen- und Dokumentarfotograf*innen Deutschlands – am 27. Februar 2020 um 19 Uhr in der Stube, Ammerländer Herrstraße 108. 

Wie das Besondere im Alltäglichen fotografisch erfasst werden kann, erklärt Dirk Marwede am 28. und 29. Februar 2020 im Workshop Street Photography. Info und Anmeldung: Werkschule – Werkstatt für Kunst und Kulturarbeit e. V., Tel. (0441) 999 08 40, info@werkschule.de

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Marcella Fassio

Als Literaturwissenschaftlerin beschäftigt sich Marcella Fassio rund um die Uhr mit Lesen, Schreiben und Recherchieren. Das nutzt sie auch für die World-Press-Photo-Ausstellung und unterstützt das Team bei der Organisation und Kommunikation. Dabei hat sie immer ein Auge auf eine gegenwartsgerechte Sprache – und natürlich auch auf das gewisse poetische Etwas.

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