Von Identität und Unterdrückung

Zwei Fotografen, eine Geschichte: LGBTQ+ in Russland

Foto: Oleg Ponomarev

Ich bin bisexuell. Schon mein ganzes Leben lang. Ich schreibe das in die Einleitung meines Textes und muss nicht befürchten, nach der Veröffentlichung verhöhnt, diskriminiert oder sogar strafrechtlich verfolgt zu werden. Weil ich in Deutschland lebe, einem Land, in dem die LGBTQ+-Community langsam, aber sicher immer mehr anerkannt und integriert wird. Und dabei habe ich mir dieses Privileg nicht einmal ausgesucht.

In Russland sieht die Situation ganz anders aus. Das macht das Foto „Die Transition: Ignat“ von Oleg Ponomarev umso ausdrucksstärker. Mit seinem Bild des transsexuellen Manns Ignat und seiner Freundin Maria gewann der russische Fotograf den ersten Preis in der Kategorie Porträts. Ignat ist eine von fünf queeren Personen, die Ponomarev in seiner Serie porträtiert hat. Marina, Tim, Ekaterina, Damian und Ignat haben die Kraft, zu sich selbst zu stehen. Das hat auch den Fotografen beeindruckt: „Was mir an ihren Geschichten am besten gefallen hat, war ihre innere Stärke, das Licht, das ihnen dabei geholfen hat, weiterzumachen.“

Foto: Oleg Ponomarev

Das Foto von Ignat nahm Ponomarev am 23. April 2020 auf. Ignats Blick hat etwas Besonderes. Besonders liebevoll, besonders vertraut, gleichzeitig aber auch besonders misstrauisch. In den Armen seiner Freundin fühlt er sich wohl und sicher, aber man sieht ihm an, dass er schon anderen Gefühlen begegnet ist. Zurückweisung, Hass, Ablehnung. Er blickt ängstlich in die Kamera, abwartend.

Wenn du nicht du selbst sein darfst

Während seiner gesamten Schulzeit war Ignat ein Außenseiter und wurde gemobbt. Nachdem es Gerüchte gab, dass er von sich selbst in der männlichen Person gesprochen habe, wurde er vom Schulpsychologen konfrontiert. Er war der erste Fremde, dem Ignat sich öffnete und seine Geschlechtsidentität preisgab – unter der Bedingung, dass es geheim gehalten wird. Der Psychologe enttäuschte Ignats Vertrauen. Binnen kürzester Zeit wusste die ganze Schule Bescheid.

Viele Angehörige der LGBTQ+-Community in Russland halten sich aufgrund der Stigmatisierung gegenüber nicht-traditioneller Sexualität zurück. Die russische Verfassung vom Juli 2020 sieht vor, dass die Ehe eine Verbindung zwischen einem Mann und einer Frau ist – optionslos. Ignat hatte und hat keine Chance. Stattdessen: Beleidigungen und Demütigungen.

Trans Menschen können heiraten, aber der Weg dorthin ist unglaublich schwierig. Ihr Geschlecht wird rechtlich nicht anerkannt. Sie selbst werden rechtlich nicht anerkannt. Das ist, als würde es mich rechtlich nicht geben, weil ich graue Augen habe, die ein Teil von mir sind, an dem ich nichts ändern kann. Als würde man ein Kind rechtlich nicht anerkennen, weil es lispelt. Als würde man einer alten Dame ihre Existenz absprechen, weil sie nicht mehr Auto fahren kann.

Foto: Mads Nissen

Aus Hass mach Liebe

Ignat, Marina, Tim, Ekaterina und Damian sind nicht die einzigen Menschen in Russland, die sich aufgrund ihrer Identität verstecken. Und sie sind nicht die Einzigen, deren Geschichten fotografisch festgehalten wurden. Bereits im Jahr 2015 gewann der dänische Fotograf Mads Nissen den World Press Photo Award mit dem Foto „Jon and Alex“.

Es zeigt das Paar in einem sehr intimen, liebevollen Moment. Die Vertrautheit und Leidenschaft zwischen den beiden Männern sind spür- und greifbar. Mads Nissen ist es jedoch gelungen, mit dem Licht eine Atmosphäre zu schaffen, die ein schwules Paar in Russland alltäglich umgibt: dunkel, versteckt, lauernd und gefährlich.

„Ich habe bei meinen Recherchen erlebt, wie Homosexuelle erniedrigt, angespuckt und geschlagen worden sind“, erzählt Nissen später in einem Interview. „Das hat mich tief schockiert und mir die Dimension der Homophobie in Russland offenbart.“ Durch World Press Photo hat das Foto viel Aufmerksamkeit bekommen – auch in Russland. „Als ich das letzte Mal in St. Petersburg war, habe ich mit großer Freude festgestellt: Es geht dabei nicht um mich – es geht um Jon und Alex, die dafür gefeiert werden, wie sie sind.“

Das verdienen die beiden. Das verdient auch Ignat. Jeder Mensch verdient es, für sich und seine Persönlichkeit respektiert, wertgeschätzt und geliebt zu werden. Die World-Press-Photo-Stiftung und weltoffene, mutige Fotograf:innen wie Mads Nissen und Oleg Ponomarev tragen entscheidend dazu bei. Ich wünsche mir, dass jeder Mensch auf dieser Welt irgendwann verstehen wird, dass Hass gegen das Andere uns nicht stärker, sondern schwächer macht.

 

Autorin: Katja Hofmann

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