Was löst das Siegerfoto bei den Organisatoren aus?

Die World Press Photos kommen ein zweites Mal nach Oldenburg, die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren – aber was ging den Köpfen hinter der Ausstellung eigentlich durch eben diese, als sie das Siegerbild 2016 zum ersten Mal sahen? Was waren die ersten Gedanken, Gefühle, Assoziationen? Waren sie sofort hin und weg, oder mussten sie erst einmal mit der Wahl „warm werden”?

Sechs Meinungen, aus sechs Köpfen, zur ersten Begegnung mit Warren Richardsons “Hope for a New Life”.

Das real existierende christliche Abendland zeigt sein wahres Gesicht: Stacheldraht statt Nächstenliebe. Der Heiland würde wohl im Grabe rotieren, wenn er denn nicht auferstanden wäre. Wie steinern müssen die Herzen gefroren sein, wenn menschliches Leid kein Mitgefühl mehr erzeugt, sondern Hass und Gewalt. Die Mutter in Damaskus verschleppt und verschollen. Die Frau in Aleppo von Bomben zerfetzt, der Sohn entführt, der Säugling verbrannt, der Bruder angeschossen, die Großeltern verhungert. Sie sind nur schwer zu ertragen, die Geschichten derer, die es durch den Stacheldraht geschafft haben. Wer hierbei sein Herz verschließt ist – menschlich gesehen – schon lange tot. Wie gut, dass es wenigstens die Überlebenden gibt …

Olaf Peters

Meine erste Reaktion auf das Siegerbild? Ganz ehrlich: Irritation. Farblos, verwaschen, das Abgebildete nur schwer zu erkennen – gegenüber den in der Regel gestochen scharfen und tief farbigen Aufnahmen der World Press Photo 15 wirkte es auf mich zunächst wie eine Enttäuschung. Doch gerade weil es in unserer heutigen hochaufgelösten, brillantfarbenen Wahrnehmung unperfekt scheint, lenkt das Bild die Aufmerksamkeit umso mehr auf den Inhalt. Gerade weil die Technik in den Hintergrund rückt, wird umso mehr deutlich, dass ein Foto einen Moment abbildet und die Kunst des Fotografen darin besteht, diesen möglichst authentisch festzuhalten. Die Art der Aufnahme sorgt für ein Höchstmaß an Authentizität – und damit Eindringlichkeit. Die Ausdrucksstärke von Warren Richardsons Bild erschließt sich eben erst auf den zweiten Blick. Nicht umsonst trägt der diesjährige Fotoslam Oldenburg – eine Veranstaltung aus dem Rahmenprogramm – genau dieses Motto.

Mareike Lange

Wir suchen nach dem Echten und Wahren, wir fordern Glaubwürdigkeit ein. Wir stellen den inszenierten Hochglanz mehr und mehr infrage. Deshalb hat es mich nur kurz überrascht, dass die Wahl zum Pressefoto des Jahres auf Warren Richardsons Grenzbild fiel. Diese Aufnahme ist authentisch wie kaum eine zweite und steht in einer Reihe ikonischer Schwarz-weiß-Fotografien, die mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet wurden. Sie riecht nach Angst und Grauen, nach Krieg und Verfolgung. Aber eben auch nach dem Glauben an das Bessere. Unscharf? So what! Die Magie dieses Bildes liegt in seiner Unvollkommenheit, im Schnappschusseffekt. Ich bin froh, dass Fotografen wie Warren Richardson es schaffen, Augenblicke wie den hier gezeigten, einzufangen und diffizile Situationen auf den Punkt zu bringen. Schön, dass der Mut zum schlichten, dokumentarischen Foto hier einmal mehr belohnt wurde.

Claus Spitzer-Ewersmann 

“Unperfekt – und doch perfekt” waren meine ersten Gedanken zum World Press Photo 16. Das Siegerfoto von Warren Richardson bringt auf eindringliche Weise auf den Punkt, was die Welt auch 2015 politisch und emotional beschäftigt hat. Es zeigt in meinen Augen, welche Werte wir alle stets beachten sollten: Menschlichkeit, Nächstenliebe, Mut. Auch wenn diese Fotografie technisch nicht perfekt ist, sondern eine Momentaufnahme, ein Schnappschuss – für mich ist sie gewaltig. In den Augen des Geflüchteten sehe ich Erschöpfung. Aber auch Hoffnung. Hoffnung auf ein neues Leben. Ein Leben in Gerechtigkeit, Frieden und Sicherheit. Das von der WPP Foundation gekürte Foto ist für mich ein gesellschaftlicher Appell und regt intensiv zum Nachdenken an.

Julia Makowski

„Ach, das ist also das Foto, von dem die vielen Besucher reden!“ – war ehrlich gesagt mein erster Gedanke, als ich das neue Weltpressebild sah. Gerade gewählt, war es nämlich nicht in der Ausstellung 15 zu sehen, bei der ich als Aufsichtskraft agierte. Warren Richardsons Foto „Hope for an New Life“ ist dunkel und trist. Es ist verwackelt und der erste Blick wird auf einen Stacheldrahtzaun gelenkt, der einem nahezu direkt ins Auge sticht. Und genau dadurch wird ein Kind über die Grenzen gereicht. Alles passiert schnell und ruhig, ohne auch nur einen Hauch an Aufmerksamkeit auslösen zu dürfen. Keine Einstellung, kein anderes Licht hätte das, was die Presse „Flüchtlingskrise“ nennt, besser auf den Punkt bringen können. Schockierend und mitreißend zugleich – zurecht das Siegerbild 16!

Janina Gründemann

Mein erster Gedanke bezog sich nicht einmal auf das Foto selbst, sondern auf die Kritik dazu – denn das Siegerfoto sah ich, als es WPP auf Facebook teilte. Ein Kommentar fiel mir sofort ins Auge. Und er kritisierte – natürlich – die handwerklichen Mängel. Die Unschärfe. Die Auflösung. Meine Finger kribbelten schon: Darum geht es nicht. Ein Foto kann mehr zeigen als die Pixel, die es enthält. Ein Foto startet den Film in deinem Kopf. Der Eindruck, den es vermittelt, wird durch Unschärfe nicht getrübt. Im Gegenteil, sie verdeutlicht ihn. Denn: Warren Richardson hatte nicht den Luxus, das Bild auszuleuchten, die Kamera aufs Stativ zu setzen und ein Foto auszuwählen. Er drückte ab – und fing einen Augenblick ein. Um den geht es. Nicht um das Foto.

Phyllis Frieling

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WPP_Phyllis

Geschichten wollen erzählt werden – davon ist Phyllis Frieling überzeugt. Ihre Anfänge liegen bei der lokalen Tageszeitung, Spaß am Schreiben war und ist ihre Grundlage. Als Kulturwissenschaftlerin weiß sie um stereotype Denkmuster und gedankliche Fallstricke und zeigt gern andere Blickwinkel auf. Die analytische Flexibilität hat sie beibehalten und arbeitet sich auch in komplexe Themen ein, um sie für andere verständlich aufzubereiten – detailverliebt und prinzipienfest.

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