Welche Bilder wollen wir sehen?

Lebhafte Debatte über die Frage, was positive und was negative Fotos in den Medien sind

Foto: Julia Makowski

Es war ein spannender Abend mit einer hitzigen Diskussion: Im Rahmenprogramm der World Press Photo-Ausstellung hatten wir am 19. Februar zur Podiumsdiskussion in den Vortragssaal der Oldenburgischen Landesbank eingeladen. Rund 90 Minuten diskutierten Moderator Rainer Lisowski und unsere Gäste Prof. Dr. Rolf Nobel (Gründer des Studiengangs Bildjournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover), Bildredakteur Alexandru Pasca (Gruner + Jahr), NWZ-Chefredakteur Lars Reckermann sowie die freie Fotografin Carmen Jaspersen zu den Themen Positiv- und Negativfotojournalismus und der Frage, ob den Menschen die „heile Welt“ nicht genug ist und sie lieber mehr positive Bilder in den Medien sehen wollen.

Die Fragen, die Moderator Lisowski stellte, waren nicht leicht und schon gar nicht eindeutig zu beantworten. So sei bereits schwer einzuordnen, ob es sich bei einem Bild um ein positives oder negatives handle, meint Pasca: „Die Bewertung einer Aufnahme ist komplex. Ohne deren Hintergrund und den Entstehungsprozess zu kennen, ist es nicht in allen Fällen sofort klar, ob es als positiv oder negativ zu beurteilen ist. Wir müssen daher die Geschichte mit dem Foto in einen Zusammenhang bringen und auf diese Weise unsere Bewertung erklären.“

v.l.n.r.: Lars Reckermann, Carmen Jaspersen, Prof. Dr. Rainer Lisowski, Alexandru Pasca und Prof. Dr. Rolf Nobel.
v.l.n.r.: Lars Reckermann, Carmen Jaspersen, Prof. Dr. Rainer Lisowski, Alexandru Pasca und Prof. Dr. Rolf Nobel.
Foto: Sabrina Bindernagel

Fotografin Jaspersen gab zu, dass die negativen Bilder in den Medien häufig dominieren. „In der Regel lassen sich solche Arbeiten besser verkaufen, aber grundsätzlich sollte man immer die Geschichte dahinter berücksichtigen.“ Reckermann erklärte die Gründe dafür: „Es gibt leider genug negative Geschichten und die positiven, die sind oft schwerer zu finden und noch schwerer zu fotografieren.“ Professor Nobel ist dennoch der Meinung, dass der Bildjournalismus generell mehr positive Bilder braucht – solche nämlich, die Mut machen. „In der Regel geht es bei der Bilderauswahl aber nicht nur darum, wie gut ein Motiv eingefangen wurde und was es zeigt. Was gedruckt wird, ist zum Beispiel auch von dem Werbeumfeld und der Struktur der Zeitung oder des Magazins abhängig.“

Themenwechsel: die Pressebilder der Jahre 2018 und 2017. Rolf Nobel zürnt: Beide Aufnahmen seien „verdammt gute Fotos“, aber es sei eine Fehlentscheidung gewesen, diese Bilder als World Press Photo auszuzeichnen. „Hier hat wieder ein Profi seine Arbeit richtig gut gemacht. Das Problem ist, dass der Zusammenhang fehlt und keine Verortung zum Konflikt in Venezuela besteht“, sagt er über das Bild des brennenden Venezolaners José Victor Salazar Balza. „Dieses Bild ist für mich wie ein Schnappschuss aus einem Actionfilm. Meiner Meinung nach ist es keines, das es wert ist, aus 80.000 Einsendungen ausgewählt und zum Siegerfoto erklärt zu werden.“

Harte Worte.

Auch Bildredakteur Pasca vermisst den näheren Kontext zur Geschichte und seiner Entstehung. Es sei schade, dass das Bild so viel Text brauche, um erklärt zu werden und es weniger selbst die Geschichte erzählt, sagte er. Carmen Jaspersen hätte sich einen anderen Sieger gewünscht. „Mir wäre es lieber gewesen, wenn ein Bild prämiert worden wäre, hinter dem eine richtig ansprechende Geschichte steckt, die zudem gut recherchiert ist“, erklärte sie. „Bei der Aufnahme des Siegerbildes war der Fotograf zufällig vor Ort.“

Foto: Julia Makowski

NWZ-Chef Reckermann äußerte sich zum Gewinnermotiv von 2017. Die Redaktion der Nordwest-Zeitung habe lange diskutiert, ob man das Bild, abdrucken solle oder nicht, das die Leiche des russischen Botschafters Andrej Karlov Sekunden nach seiner Ermordung gemeinsam mit dem Attentäter zeigt. Man habe die Szene schließlich nur ausschnittsweise gezeigt. Erst als feststand, dass das Foto Pressebild des Jahres ist, sei man nicht mehr um die Veröffentlichung der kompletten Aufnahme herumgekommen. „Wir haben unseren Lesern die dazugehörige Geschichte geliefert und ihnen erklärt, wieso wir das Bild gedruckt haben.“

Nobel war auch mit diesem Siegerfoto alles andere als zufrieden: „Bei Aufnahmen, die als prämiertes Bild so viel Aufmerksamkeit erhalten, sollte man vorher überlegen, was das auslöst. Dieses ist zu einer negativen Ikone für terroristische Anschläge auf Menschen geworden.“ Daran knüpfte Pasca an: „Die Verantwortung liegt bei der Redaktion bei solchen Bildern die Souveränität zu wahren. Deshalb ist es besonders wichtig, die Geschichte mit dem Bild in Zusammenhang zu bringen. Man sollte generell nur jene Bilder zeigen, die dem Erzählen der dazugehörigen Stories entgegenkommen.“ Eine Frage konnte an diesem Abend jedoch nicht eindeutig geklärt werden: Ist den Menschen die „heile Welt“ tatsächlich nicht genug und müssen wirklich nur die negativen Bilder gezeigt werden? Das bleibt wohl eine Frage des Zusammenhangs.

Autorin: Sabrina Bindernagel

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