Zur Stelle sein: Wie unterschiedlich ein Pressefoto des Jahres entstehen kann

Über zwei Bilder, die sich nur auf den ersten Blick ähneln

Foto: Malcolm W. Browne (The Associated Press)

Kenner des World-Press-Photo-Wettbewerbs erinnert das aktuelle Siegerbild von Ronaldo Schemidt an das Weltpressefoto des Jahres 1963, denn auch diese Aufnahme zeigt einen brennenden Menschen. Die Dokumentation der Selbstverbrennung eines buddhistischen Mönchs gehört zu den einflussreichsten Pressefotos der Geschichte. Was die beiden Sieger von 1963 und 2018 neben einem ähnlichen Motiv gemeinsam haben? Wenig.

Ein Foto mit Vorlaufzeit

World Press Photo of the Year, 1963
World Press Photo of the Year, 1963
Foto: Malcolm W. Browne (The Associated Press)

Das Weltpressefoto 1963 entstand inmitten der Buddhistenkrise und ließ die Amerikaner ihre Haltung gegenüber dem vietnamesischen Diệm-Regime überdenken. Der Fotograf dahinter war der US-Amerikaner Malcolm Browne. Über Wochen trat er immer wieder mit den von Präsident Ngô Đình Diệm unterdrückten buddhistischen Mönchen im südvietnamesischen Saigon in Kontakt und begleitete ihren Protest gegen die Unrechtsherrschaft des katholischen Diệm-Regimes. Browne hielt fotografisch fest, wie der Mönch Thích Quảng Đú’c am 11. Juni 1963 den Freitod durch Selbstverbrennung wählte, und machte diesen Vorfall dadurch weltbekannt.

„Ich war an diesem Tag vor Ort, weil ich das Gefühl hatte, dass etwas Einschneidendes passieren würde.“ – Malcolm W. Browne

Die Mönche hatten über ein halbes Dutzend Pressefotografen am Vortag darüber informiert, dass eine Aktion geplant sei, um politischen Druck auszuüben. Gekommen war nur Browne. Seine Kollegen hätten die Proteste als unbedeutend abgetan, gab er später zu Protokoll.

„Ich war mit der buddhistischen Tradition vertraut und wusste, dass ich diese Nachricht ernst nehmen musste“, erzählt der Associated-Press-Korrespondent. „Ich war an diesem Tag vor Ort, weil ich das Gefühl hatte, dass etwas Einschneidendes passieren würde.“ AlsThích Quảng Đú’c meditierend in Flammen stand, war Browne bereit und drückte den Auslöser. Das Foto des brennenden Mönchs ging um die Welt und änderte US-Präsident Kennedys Meinung zur politischen Lage in Vietnam. Die amerikanische Unterstützung für das Diệm-Regime wurde offiziell beendet.

Ein Schnappschuss mit Folgen

Knapp 55 Jahre später reiste der venezolanische Pressefotograf Ronaldo Schemidt nach Caracas, um die Proteste gegen den Präsidenten Nicolás Maduro im Mai 2017 zu dokumentieren. Nichts deutete darauf hin, dass er hier das Pressefoto des Jahres schießen sollte. Plötzlich geriet der Demonstrant José Víctor Salazar Balza bei der Explosion eines Motorradtanks in Brand und lief in blanker Panik über die Straße.

World Press Photo of the Year, 2018
World Press Photo of the Year, 2018
Foto: Ronaldo Schmidt (Agence France Press)

„Ich spürte das Feuer, nahm meine Kamera und machte Fotos – etwa 14 Sekunden lang.“ – Ronaldo Schemidt

Schemidt stand nur wenige Meter von der Explosion entfernt und handelte vollkommen intuitiv, als der brennende Balza an ihm vorbeirannte.

„Als das Mofa explodierte, stand ich mit dem Rücken zur Szene“, berichtet er. „Ich habe schnell begriffen, dass die Situation sehr gefährlich war. Ich spürte das Feuer, nahm meine Kamera und machte Fotos – 14 Sekunden lang.“ Betrachtet man die Details des Bildes, fällt es schwer, die Entstehungsgeschichte zu glauben. Im Hintergrund kann man eine an eine Hauswand gepinselte Waffe erkennen. Aus ihrem Lauf tritt das spanische Wort „paz“, Frieden, hervor. Die Komposition wirkt inszeniert, ist jedoch reiner Zufall. Erst beim späteren Betrachten der Bilder nahm Schemidt die Waffe überhaupt wahr.

Die Kunst, richtige Entscheidungen zu treffen

Beide Bilder zeigen auf drastische Weise einen brennenden Menschen. Malcolm Browne dokumentierte eine bewusste Inszenierung, während Ronaldo Schemidts Aufnahme zufällig in Folge eines Unfalls entstand. Browne und Schemidt zeigten in den jeweiligen Situationen, was einen guten Pressefotografen ausmacht: Ersterer bewies Gespür für ein historisches Ereignis, wo andere nur eine von vielen Protestaktionen vermuteten. Letzterer handelte inmitten chaotischer Zustände intuitiv und dokumentierte eine gefährliche Situation, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen. So unterschiedlich die Entstehungsgeschichten der Siegerfotos aus mehr als 50 Jahren World-Press-Photo-Wettbewerb auch sein mögen: Hinter der Kamera standen und stehen immer herausragende Fotojournalisten.

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