Ein Plädoyer für die Entschleunigung

Betrachtungen über das Sofortbild-Revival

Foto: Tamara Studies
Foto: Tamara Studies

 

Klick. Surr. Warten. Eine Minute, zwei Minuten … ja manchmal sogar noch länger. Und endlich! Schemenhaft wird deutlich, was schon längst wieder vorbei ist: Ein scheinbar flüchtiger Moment, für immer festgehalten auf einem Sofortbild. Ein Unikat entsteht. Mittlerweile ist die Sofortbildkamera, wie wir sie heute kennen, über 70 Jahre alt. Gastautorin Anne Schellhase erklärt, was es mit dem Sofortbild-Revival auf sich hat und nimmt Sie mit auf eine Reise durch die Zeit.

Erfunden wurde die Sofortbildkamera in den 40er-Jahren von Edwin Herbert Land. Der Legende nach hat er seine Erfindung keiner Geringeren als seiner eigenen Tochter zu verdanken: So beklagte sich die damals Dreijährige 1943 darüber, dass sie die Fotos aus Papas Kamera nicht sofort sehen könne. “Gute Frage! Warum eigentlich nicht?” So in etwa lauteten die Gedanken des Amerikaners.

Die Idee “Sofortbildkamera” war geboren und Land tüftelte fiebrig, um seine Mission zu erfüllen. Mit Erfolg: Denn im Februar 1947 präsentierte er der Fachwelt eine Kamera, die wie von Zauberhand und binnen Sekunden ein fertig entwickeltes Bild ausspuckte. Eine solche Art zu fotografieren hatte es selbst zu analogen Zeiten noch nicht gegeben.

Die Polaroid-Kamera war eine Sensation und Land ahnte in jenen Tagen vermutlich nicht, dass viele erfolgreiche Jahre auf ihn und sein junges Unternehmen warteten.

Wer brauchte in Zeiten von Pixeln denn noch diesen alten Analogkäse?

Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt: Obwohl Polaroid zu Spitzenzeiten rund 50.000 Mitarbeiter weltweit beschäftigte, ging der Hersteller 2001 erstmals pleite.

Einige Werksschließungen später konnte sich das Unternehmen wieder erholen, zumindest vorerst. Denn 2008 gab der einstige Gigant das endgültige Ende seiner Film- und Kameraproduktion bekannt. Die immer schneller voranschreitende Digitalisierung machte dem Sofortbild den Garaus.

Wer brauchte in Zeiten von Pixeln denn noch diesen alten Analogkäse? Schon wieder eine gute Frage, die sich – viele Jahre nach Land – ebenfalls ein Mann stellte. “Ich!” beschloss Florian Kaps und fasste den mutigen Plan, das Sofortbild vor dem sicheren Tod zu retten. Binnen weniger Tage machte er das Unmögliche möglich: Er trieb 180.000 Euro auf, um den Abriss der letzten Produktionsstätte in Enschede/Holland zu verhindern, stellte ein kleines aber sehr feines Team zusammen und übernahm das Werk samt der übrigen Maschinen und Bauteile. Das Impossible Project war geboren.

Jetzt und Sofort: das Sofortbild im Hier und Jetzt

Die Übernahme durch Florian Kaps ist mittlerweile fast zehn Jahre her und 2013 zog er sich zurück, um dem damals 23-jährigen Oskar Smolokowski Platz zu machen. Er übernahm Ende 2014 als neuer CEO das Ruder. Im vergangenen Jahr war es dann endlich soweit: Polaroid konnte sehr erfolgreich an eine polnische Investorengruppe – zu der auch Smolokowskis Vater gehört – verkauft werden und zu einigen Wurzeln zurückfinden: So hört das Impossible Project nunmehr auf den Namen “Polaroid Originals” und die Produkte bekamen ein Makeover im flotten Retro-Look, der an alte Zeiten erinnern soll.

Sind diese vermeintlichen Leaks bewusst platzierte Heißmacher?

Und auch sonst ist viel passiert, denn das Sofortbild erfährt seit geraumer Zeit eine regelrechte Renaissance und begeistert Menschen weltweit. Firmen wie Lomography und Fujifilm bringen regelmäßig neue Sofortbildkameras in den poppigsten Farben auf den Markt, ja sogar Leica hat 2016 auf der photokina die erste Sofortbildkamera mit dem roten Punkt vorgestellt. Und vor wenigen Tagen erst wurden Bilder einer neuen MiNT-Kamera geleaked, zu der sich die Spekulationen mal wieder überschlagen.

Gepaart mit cleveren Marketing-Strategien entsteht ein Superhype um ein Produkt, das eigentlich eine Nische innerhalb der Fotografie besetzt. So geschehen erst 2017, als die ersten Bilder zu Fujis Instax Square SQ10 geleaked wurden.

Fast drängt sich hier die Frage auf: Sind diese vermeintlichen Leaks bewusst platzierte Heißmacher, um die Vorfreude und das Interesse an neuen Produkten noch zu pushen?

Wie auch immer die Antwort lauten mag, diese kleinen Häppchen führen unweigerlich dazu, dass die weltweite Fan-Gemeinde vor Begeisterung durchdreht. Bestenfalls geschieht das dann möglichst reichweitenstark via Facebook, Instagram & Co.

Hersteller richten sich an die Generation Y, die sogenannten Millennials, die besonders Social Media-affin sind und es lieben, mit kunterbunten Kameras rumzulaufen

Wenn dann noch Leute mit diesen hippen, neuen Produkten ausgestattet werden, die Social Media quasi in Vollzeit betreiben, ist ein Verkaufsschlager nahezu garantiert.

Die SQ10 jedenfalls war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft und Lomographys Kickstarter-Kampagnen treiben regelmäßig ein Vielfaches der angestrebten Finanzierungsziele ein. Dabei richten sich die Hersteller bewusst an die Generation Y, die sogenannten Millennials: Junge Menschen, die besonders Social Media-affin sind und es einfach lieben, mit kunterbunten Kameras rumzulaufen.

Klick. Surr. Warten: Fotografie zum Anfassen

Doch wieso beschäftigt mich das alles? Ich bin Jahrgang 87, Social Media-Kanäle nutze ich vor allem beruflich und obwohl ich nichts gegen rosarote Kameras einzuwenden habe, sind mir die neutralen Varianten lieber. Es gibt diverse Gründe für die Sofortbildfotografie.

Für mich ist die Sofortbildkamera viel mehr, als bloß ein Must-have, ein Trend oder ein Hype. Denn ein Streifzug mit meiner alten Polaroid SX-70 bedeutet für mich die pure Entschleunigung. Und ist zudem die schönste Art der Flucht aus der digitalen Dauerberieselung: Auf diese Weise laufe ich besonders aufmerksam durch die Welt, nehme die Dinge um mich herum bewusster wahr, versuche Situationen vorauszusehen und übe mich hoffnungsvoll in Geduld, ob selbige so eintreten.

Und sehr oft werde ich mit einem herrlichen Glücksgefühl belohnt, weil mein Bild etwas geworden ist. Kurzum: Meine Sofortbildkamera zwingt mich, meine Sinne einzusetzen.

Studien belegen, dass Nostalgie entscheidend ist, wenn es um die Auferstehung totgeglaubter Trends geht.

Ich liebe die Haptik, den fauligen Geruch der Entwicklerchemie und auch liebe ich es, dem Foto bei der Entwicklung zuzuschauen. Jedes Mal wieder ist das für mich wie Zauberei. Hinzu kommt das Gefühl von Nostalgie, denn schon als Kind fand ich es unheimlich aufregend, wenn meine Eltern ihre Polaroid 600 auspackten, um damit zu fotografieren.

Etliche Studien haben inzwischen belegen können, dass das Gefühl von Nostalgie eine entscheidende Rolle spielt, wenn es um die Auferstehung totgeglaubter Trends geht. Denn diese unvergleichliche Emotion kann sich positiv auf unser allgemeines Wohlbefinden auswirken: Bei mir jedenfalls scheint es zu funktionieren.

Ich freue mich nahezu diebisch über Filmfehler, Lichteinfälle und verwaschene Farben

Denn das technisch perfekte Ergebnis steht hier nicht im Vordergrund, ganz im Gegenteil. Ich freue mich nahezu diebisch über Filmfehler, Lichteinfälle und verwaschene Farben. Es geht um die Liebe zum Detail und das Festhalten schöner Dinge, die unser Herz hüpfen lassen. Und um diesen einen Schuss, der uns dazu befähigt, ein Unikat zu erstellen.

Und zu guter Letzt bietet dieses kleine, quadratische Bild eine unheimlich einfache Möglichkeit, um mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen: Sie staunen, sind beeindruckt, schauen neugierig und am Ende werden mir immer folgende zwei Fragen gestellt: “Ist das eine Polaroid? Gibt es die noch?” Logisch, denn wer fühlt sich nicht auf magische Weise an längst vergangene Zeiten zurückerinnert, sobald er dem einzigartigen Surren einer Sofortbildkamera lauscht?

Meine Top 3-Sofortbildkameras:

  1. Die Polaroid SX-70 , weil sie das Polaroid-Gefühl ultimativ verkörpert und ein echtesSchmuckstück ist.
  2. Die Lomo ́Instant Wide , weil die Kamera mit tollem Zubehör kommt und sich dasQuerformat ganz hervorragend für Urlaubspanoramen eignet.
  3. Die Fujifilm Instax Square SQ10 , weil sie eine Brücke zwischen digitaler Technikund analoger Wehmut schlägt und ich die Filter liebe. Ich gebe es ja zu …

fM-Redakteurin Anne Schellhase kümmert sich um den Online-Bereich von fotoMAGAZIN. Die 30-jährige fotografiert leidenschaftlich analog, Sofortbildkameras haben es ihr dabei am meisten angetan.

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Gastautor*in

Wir lassen in unserem Magazin nicht nur unsere festen Teammitglieder, sondern auch Praktikant*innen und Fotograf*innen zu Wort kommen. Ihre Beiträge werden dann am Ende des Textes namentlich gekennzeichnet.

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