Oder: Warum wir uns gegen Burhan Ozbilicis Siegerfoto als Plakatmotiv entschieden haben.

Ein Mörder, der mit seiner Tat prahlt, wie ein Discotänzer triumphierend den Zeigefinger in die Höhe reckt und mit hassverzerrtem Gesicht Richtung Kamera schreit. Darf man dieses Bild zeigen? Nein, man muss es zeigen! Unbedingt. Als Zeitzeugnis, als Dokument des Grauens. Aber soll man dieses Bild als Werbemotiv nutzen? Als Aufnahme, die auf die Ausstellung der besten Pressefotos hinweist? Nein, das sollte man nicht. Wir haben uns für eine andere Aufnahme entschieden.

Warum?

Burhan Ozbilicis Foto von der Ermordung des russischen Botschafters in der Türkei wurde zum „Pressefoto des Jahres“ gewählt. Eine knappe Entscheidung. „Wir hatten den Eindruck, dass dieses Bild wirklich verkörpert, worum es beim World Press Photo des Jahres geht“, berichtete ein Jury-Mitglied. Kritiker wandten ein, dem Terror werde ein Podium gegeben. Peter-Matthias Gaede, früherer Chefredakteur des Magazins Geo beklagte gar einen „Rückfall in die spezifische Erotik der Kopf-ab-Bilder“.

 

Lars Boering, Managing Director der World Press Photo Foundation, griff den Vorwurf auf und stellte klar: „Wir zeichnen den Fotografen aus, nicht die Tat. Nur weil der IS sich der journalistischen Techniken bedient, dürfen wir gute Pressebilder nicht zurückhalten.“

Die ewige Frage „Wie viel Wirklichkeit vertragen wir?“ ist eine zentrale, wenn man Funktion und Rolle der Pressefotografie thematisiert. Deshalb zeigen wir Burhan Ozbilicis Arbeit selbstverständlich in unserer Ausstellung. Hier ist das Bild eingebettet in den Zusammenhang und Teil einer Serie. Hier wird die Situation deutlich, in der es entstand. So kann sich jeder Betrachter seine Meinung bilden, das Foto auf sich wirken lassen, darüber diskutieren.

Aber als Werbemotiv? Nein. Als Plakat auf einer Litfaßsäule, an einer Kneipentür, in einer Anzeige? Nein. Wir wollen uns nicht für Propaganda instrumentalisieren lassen und dem Mörder keine Plattform für seine groteske Inszenierung bieten. Und ja, wir möchten auch jenen, die von der Aufnahme unvorbereitet überrascht werden, den Schock ersparen. Das ist keine Feigheit vor dem Schrecken, sondern unsere Pflicht als verantwortungsbewusste Ausstellungsmacher.

Aber eines ist auch sicher: Wir werden das Thema diskutieren. Ausführlich, kontrovers und der Sache angemessen. Die Grausamkeit der Geste wird uns nicht loslassen.

Foto: Burhan Ozbilici, The Associated Press