Einfach Alltag

Warum die Sonderschau "Everyday Africa" unbedingt sehenswert ist

Foto: Tom Saater

Unser Bild Afrikas ist geprägt durch Fotos und Schlagzeilen von Krankheit, Krieg und Korruption. Das Projekt „Everyday Africa“ kämpft dagegen an. Eine Auswahl von 50 Aufnahmen ist in einer Sonderschau im Rahmen der World-Press-Photo-Ausstellung Oldenburg erstmals in Europa zu sehen.

Nachdenklich schaut sie aus dem Wagenfenster, ein bisschen wehmütig vielleicht. Oder doch nur konzentriert? Es ist wie so oft bei Fotos, die wir aus Afrika zu sehen bekommen: Die Situation erscheint uns normal – und doch steckt sie voller Rätsel. Klar ist: Das Bild der angehenden Richterin, die sich – bereits ausgestattet mit Robe und Perücke – zur Graduiertenfeier fahren lässt, zeigt Afrika von einer ganz anderen Seite. Keine wilden Tiere und keine entstellten Toten. Keine lebensgefährlich Erkrankten und keine herrschsüchtigen Despoten. Einfach Alltag. Und gerade deshalb so ungewohnt.

Leben statt Extremsituationen

Tom Saaters Aufnahme der jungen nigerianischen Juristin Ginika Okafor gehört zum Projekt Everyday Africa. Dieses geht auf eine Initiative der amerikanischen Journalisten Peter DiCampo und Austin Merrill zurück. Nach einer Recherche in der Elfenbeinküste entschieden sie sich 2012 für eine Abkehr von den ewig gleichen und erwartbaren Konflikt- und Katastrophenfotos. „Wir wollten das einfache Leben zeigen, nicht immer nur die extremen Momente“, erinnert sich Peter DiCampo. Gesagt, getan. Die beiden zückten ihre Smartphones, fotografierten auf den Straßen und auf dem Markt, Menschen bei der Arbeit und beim Sport.

Ihre Aufnahmen veröffentlichen DiCampo und Merrill zunächst auf der Social-Media-Plattform Tumblr, später wechseln sie zu Instagram und rufen den Hashtag #everydayafrica ins Leben. So nimmt das Projekt Fahrt auf, immer mehr afrikanische Fotografen steuern Bilder bei. Einer der ersten ist Nana Kofi Acquah aus Ghana. Er betont den emanzipatorischen Charakter des Projekts, mit dem es sich vor allem gegen stereotype Klischeedarstellungen wendet: „Es geht uns darum, den Kontinent als Ganzes zu zeigen und nicht bloß ein paar Teile, die Fremde für berichtenswert zu halten scheinen!“

"Afro on purple. Silhouette of my daughter" hat der ghanaische Fotograf Nana Kofi Acquah dieses Bild benannt.
Foto: Nana Kofi Acquah

Klischeebilder revidieren

Als wir in der Vorbereitungszeit der World-Press-Photo-Ausstellung 2019 in Oldenburg von dem Projekt erfuhren, waren wir sofort elektrisiert. Dass Everyday Africa versucht, dem sehr einseitigen Bild vom Geschehen auf dem Kontinent etwas entgegenzusetzen, finden wir sehr wichtig und sympathisch zugleich. Deshalb haben wir Kontakt zu Peter DiCampo aufgenommen. Er überraschte uns mit dem Hinweis, dass es bisher keine Ausstellung der Fotos in Europa gegeben hat. Und er zeigte sich sehr angetan von der Idee, das zu ändern. „Wir freuen uns, wenn Ausstellungsbesucher ihr Bild von Afrika ein wenig revidieren.“

DiCampo, der heute in Kenias Hauptstadt Nairobi lebt, hat die 50 Fotos, die in Oldenburg zu sehen sind, eigenhändig ausgewählt. Da Everyday Africa selbst über keine verleihbaren Drucke der Aufnahmen verfügt, werden diese direkt in Oldenburg produziert. Mit Felix Stock von Eismann Haustechnik haben wir einen Partner gefunden, der sich stark für die Sache engagiert und die Finanzierung ermöglicht. Auch die Stadt Oldenburg fördert das Vorhaben, so dass der Eintrittspreis für den Besuch der Sonderschau bereits in dem für die World-Press-Photo-Ausstellung enthalten ist.

Über 400.000 Follower bei Instagram

Ihr erstes Zwischenziel haben die Initiatoren des Projekts mittlerweile erreicht: Die Aufmerksamkeit für „das andere Afrika“ ist spürbar gestiegen. Mehr als 400.000 Interessierte folgen Everyday Africa auf Instagram. Zudem haben sich auch in anderen Regionen ähnliche Initiativen gebildet. Ein gutes Zeichen und mehr als ein Hoffnungsschimmer für die unabhängige Berichterstattung.

Vor zwei Jahren etablierte das Kollektiv darüber hinaus mit der African Photojournalism Database (APJD) die weltweit erste Online-Datenbank afrikanischer Fotografen – gemeinsam mit der World Press Photo Foundation. „Wir freuen uns, an diesem wichtigen Projekt zusammenzuarbeiten“, betonte deren Direktor Lars Boering anlässlich der Gründung. Kein Wunder also, dass die Stiftung in Amsterdam das Oldenburger Engagement gutheißt, Everyday Africa im Rahmenprogramm der World-Press-Photo-Ausstellung angemessen Raum zu geben.

 

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Claus Spitzer-Ewersmann

Ohne Claus Spitzer-Ewersmann würde die World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg wohl kaum Station machen. Der Agenturchef gab 2015 den Anstoß, die Bilderschau in seine Heimatstadt zu holen und freut sich noch immer, dass die Idee auf fruchtbaren Boden fiel und weiterhin auf großen Zuspruch beim Publikum stößt.

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