Schiffsladungen voller Müll, Gefahr und Verantwortung

Warum Fotografin Lena Wöhler in ihren Bildern die hässliche Seite der Malediven thematisiert

Foto: Lena Wöhler

In den Zeiten des Internet und von Social Media etwas nicht mitzukriegen, ist schwer. Eigentlich nicht möglich. Egal, worum es geht, es gibt Artikel, Meinungen und Bilder. Man kann nicht mehr tun, als habe man nichts gewusst. Es ist leicht, Informationen zu bekommen. Ständig gehen Fotos um die Welt, die uns etwas mitteilen sollen. Ein neuer Skandal, ein Ausbruch einer gefährlichen Krankheit, ein Appell in bildlicher Form, eine Meinungsverschiedenheit doch endlich aus der Welt zu schaffen. Aber auch Bilder süßer Tierbabys, von Sonnenuntergängen oder Hochzeiten berühmter Paare. Und wenn wir die Möglichkeit haben, unseren Fokus auf die schönen Dinge im Leben zu richten, weshalb sollten wir den schlimmen, beängstigenden überhaupt einen Gedanken schenken? Wieso sollten wir in eine Ausstellung gehen, die uns zeigt, was auf dieser Erde alles falsch läuft? Zum Beispiel weil es Fotografinnen wie Lena Wöhler gibt, die sich intensiv selbst in die unangenehmsten Situationen begeben, um uns aufzuwecken.

Weltwirtschaftsforum Davos. „Ich will, dass ihr handelt, als würde euer Haus brennen, denn das tut es“, appelliert Greta Thunberg an die Mächtigen der Welt. Ihre Worte sollen uns bewusst machen, wie schlecht es um uns steht. Aber tut es das? Ein Dach über unserem Kopf, Essen und Trinken im Überfluss, Frieden: Den meisten von uns geht es gut. Richtig gut. Und eigentlich ist uns das auch bewusst. Doch wir wissen auch: Das ist bei vielen Menschen nicht so. Trotzdem scheinen wir das oft zu vergessen. Es ist eben kein schönes Thema – der Gedanke daran, was wir durch unser Leben alles zerstören, löst meist Schuldgefühle in uns aus. Und noch mehr?

Gemeinsam hinschauen und anpacken

Foto: Lena Wöhler

Was wird aus uns, wenn wir nichts ändern? Wenn wir nie daran erinnert werden, dass alles, was wir kaufen, oder das jede Reise, die wir antreten, Konsequenzen hat? Was passiert, wenn wir das Feuer ignorieren?  Wir leben hier, in unserer schönen Welt, und vergessen darüber das Grauen da draußen. Wie soll sich je etwas ändern wenn wir uns nicht ändern? Wir verlieren das Gefühl von der Welt um uns herum. Es war ein Schock, zu hören wie viele Tiere in Australien verbrannten. Es zieht uns runter, wenn wir sehen, wie schlecht es Menschen ohne Wohnung geht. Aber wir wissen auch, dass unsere 50 Cent Wechselgeld, die wir ihnen zuwerfen, langfristig nichts ändern. Und wenn wir schon direkt vor der Haustür aufgeben, wie sollen wir erst Probleme in anderen Ländern lösen?

Gemeinsam. Wir als Gesellschaft müssen hinschauen und anpacken. Wir müssen uns und unsere Probleme ernst nehmen, einander den nötigen Respekt entgegenbringen. Wir müssen uns zuhören, um zu verstehen, wie wir helfen können. Aufhören uns gegenseitig in Gruppen einzuteilen und anfangen, alle zusammen den Karren aus dem Dreck zu ziehen. Nur: Wie können wir das schaffen, wenn wir nicht wissen, welchen Karren? Nicht wissen, wo er steht? Wie sollen wir etwas schaffen, ohne zu wissen was? Wir brauchen Informationen. Und Emotionen.

Nur das, wovon wir wissen, können wir ändern

Es gibt keine Ausreden. Heute kann jeder herausfinden, was wann wo los ist. Aber man muss hinsehen, etwas erfahren wollen. Fotografen oder Fotografinnen wie Lena Wöhler helfen uns dabei, Dinge zu entdecken, Probleme zu erkennen. Sie könnten es sich leicht machen und nur schöne Motive fotografieren. Wem wäre damit geholfen? Stattdessen begeben sie sich an Orte, an denen es hässlich, gefährlich und bedrückend ist. Hier finden sie die Geschichten, die uns Gänsehaut machen. Genau deshalb ist diese Arbeit so unfassbar wertvoll. Es ist wichtig für uns, unsere Augen nicht vor der Realität zu verschließen, denn wir müssen hingucken und sehen, was in der Welt passiert. Denn nur die Dinge, von denen wir wissen, können wir verändern.

Foto: Lena Wöhler

Das Haus brennt. Lichterloh. Und wenn wir nicht bald anfangen zu löschen, brennt es ab. Wer herausfinden will, wo die Flammen lodern, sollte Lena Wöhlers Vortrag über das „Müllparadies Thilafushi“ auf keinen Fall verpassen. Sie zeigt uns die Malediven. Wir denken an Strand, Sonne, Meer. Es ist der Traum vieler, mal dorthin zu fliegen. Aber die Fotografin überrascht nicht nur mit ihren Bildern, sie schockiert. Nicht alles ist schön auf den Malediven. Urlauber produzieren Müll, ebenso die Bewohner. Täglich wird es mehr. Er wird nicht fachgerecht entsorgt, sondern auf Schiffen und Lkw auf eine Insel transportiert und verbrannt. Auf Thilafushi entsteht ein riesiger Müllberg. Und sollte der Meeresspiegel noch mehr steigen, wird er eines Tages im Meer landen. Eine Katastrophe.

Es ist an uns, an jedem einzelnen, sich weiterzubilden, sich zu informieren und zu helfen. Wir müssen denen, die uns das Elend vor Augen führen die Plattform geben, die es braucht, um einen Unterschied zu machen.

Lena Wöhler stammt aus Herford, wo sie 1987 geboren wurde. Sie studierte in Hamburg und schloss ihr Studium 2014 als Diplom-Fotodesignerin mit Auszeichnung ab. Seit 2015 arbeitet sie als freie Fotojournalistin, ihren Fokus legt sie auf sozialkritische Themen. Das Thilafushi-Projekt wurde im Staatstheater Darmstadt, an der Universität Osnabrück und zum Judika Gottesdienst in Hamburg ausgestellt, verbunden mit einer Vortragsreihe. Seit Oktober 2019 studiert Lena Wöhler Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover.

Fotos von ihrer Recherche auf Thilafushi zeigt Lena Wöhler am 1. März um 11 Uhr bei der Sonntagsmatinee in der Buchhandlung Isensee. Der Eintritt kostet 3 Euro, dafür werden Croissant, Kaffee und Limo gereicht.

Text: Maya Battiste
Fotos: Lena Wöhler

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