Alltägliches. Jederzeit und überall.

Die „Everyday Projects“ haben jetzt auch einen deutschen Ableger: Everyday Germany

Foto: Rafael Heygster

Mehr als 400.000 Abonnent*innen folgen heute dem 2012 gegründeten Projekt „Everyday Africa“ auf Instagram. Die Idee der Initiator*innen: das Bild vom Leben auf dem Kontinent zeigen, ohne die gängigen Klischees von Hunger, Gewalt, Seuchen und Elend. Inzwischen gibt es auf der ganzen Welt Everyday-Projekte, nun auch in Deutschland. Fotograf Florian Müller, 2019 Gast der World Press Photo in Oldenburg, beschreibt, was und wer hinter „Everyday Germany“ steckt.

Zu Beginn ein kleiner Blick zurück: Der Fotojournalist Peter DiCampo und der Autor Austin Merrill hatten sich im März 2012 auf einer Recherchereise durch die Elfenbeinküste entschlossen, einen gemeinsamen Instagram-Account zu bespielen, auf dem sie Bilder des alltäglichen Afrikas zeigen wollten. Der Kontinent erschien ihnen bis dahin fotografisch zu keiner Zeit angemessen und in all seiner Vielschichtigkeit repräsentiert.

Foto: Tamina-Florentine Zuch

Auch abseits journalistischer Berichterstattung wiederholen Fotograf*innen – Profis und Amateur*innen – nach wie vor visuelle Klischees des exotischen Wilden und konservieren so visuelle Stereotype und bekannte Narrative. Das gilt selbst für so renommierte Fotograf*innen wie etwa Sebastiao Salgado. Lediglich zwei fahrtüchtige zivile Autos finden sich auf den Bildern seines 336 Seiten umfassenden Bildbandes „Africa“. Auf einem Bild lässt sich eine urbane Struktur im Hintergrund erahnen. Kein einziger Computer ist zwischen den Buchdeckeln abgebildet. So also ist Afrika? Von außen betrachtet könnte man dieser Meinung sein, denn Fotografien schaffen ihre eigene Wirklichkeit. Die Wirklichkeit, die Salgados Afrika schafft, entstand aus seiner Perspektive, bildet ab, was ihn beschäftigt: Migration, Hunger und kriegerische Auseinandersetzungen. Seine Perspektive ist zweifellos wichtig, seine Bildwelten sind imposant und ergreifend.

Eine Idee geht um die Welt

Die Erwähnung seiner Arbeit an dieser Stelle soll Salgados fotografische Haltung nicht schmälern, aber es muss klar sein, dass sie aus einem bestimmten Blickwinkel stattfindet und bestimmte Fragmente aufgreift. Fragmente, die allzu oft nach außen dringen und in unserem Bildgedächtnis lange nachhallen. Um den Kontinent aus seinem Inneren fotografisch betrachten zu können, entschieden sich DiCampo und Merrill, zwei westlich sozialisierte Journalisten, lokale Mitstreiter*innen für ihr Projekt zu gewinnen, das sie fortan @everydayafrica nannten und seit 2013 auf Instagram oft mehrmals täglich mit dem Alltäglichen, dem Banalen und meist Übersehenem füttern. Heute, fast acht Jahre und über 5500 Posts später, folgen dem Account mehr als 400.000 Menschen. 50 von DiCampo ausgewählte Bilder waren im Februar 2020 im Rahmen der World-Press-Photo-Ausstellung in Oldenburg zu sehen, 50 weitere werden bei der kommenden gezeigt.

Foto: Gordon Welters

Die Idee verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Längst ist daraus eine globale Bewegung geworden: die Everyday-Projekte (@everydayeverywhere). Zurzeit gehören 68 eigenständige Instagram-Accounts dazu, die sich unterschiedlichen Schwerpunkten verschrieben haben. Die Vielzahl der Projekte widmet sich geografischen Regionen (etwa @everydayindia, @everydayeasterneurope, @everydayruralamerica) oder einigen spezifischen Gruppen (@everydaydisabled, @everydayblackamerica), wieder andere den großen Problemen des Planeten (@everydayextinction, @everydayclimatechange, @everydaymigration). Allen ist gemein, dass sie die Demokratisierung des Mediums Fotografie nutzen, um über Instagram relativ barrierefrei Alltagsgeschichten zu verbreiten, die sonst vielleicht weniger Beachtung erfahren würden oder gänzlich unsichtbar blieben. @everyday_germany ist das jüngste Geschwisterkind der Familie.

Deutschland ist nicht Afrika

Natürlich drängt sich die Frage auf, ob sich die Idee, die Fremdwahrnehmung des globalen Südens in eine selbstbestimmtere zu verwandeln, nahtlos auf ein Land wie Deutschland übertragen lässt. Deutschland ist schließlich nicht Afrika. Das Bild, das die Welt von Deutschland zu sehen bekommt, ist bei weitem ausgewogener und wirkt sicherlich nicht stigmatisierend auf seine Bewohner*innen zurück – schon allein, weil es in der Regel westliche, oft lokale Fotograf*innen sind, die ihre Bilder aus Deutschland in die Welt tragen. Es wird Land und Leuten also keine Fremdwahrnehmung übergestülpt, die Vorurteile aufgreift, interkulturelle Missverständnisse produziert oder gar einseitige Sichtweisen wiederholt. Doch auch hierzulande bleiben viele Geschichten im Schatten der großen Themen unsichtbar. Geschichten, deren Relevanz sich oft nicht unmittelbar erschließt. Dass das ein Problem ist, zeigen etliche Ereignisse in den letzten Jahren eindrucksvoll.

Foto: Laetitia Vancon

Im späten Sommer 2018 betrat ein vermeintlich unbekanntes Wesen die medialen Bühnen der Republik: der „ostdeutsche Mann“. Nach den rassistischen Ausschreitungen in Freital, Chemnitz und andernorts wurde viel über ihn geschrieben, diskutiert und bisweilen fabuliert. Auch im Zusammenhang mit dem Aufstieg der AfD spielte er immer wieder eine Rolle. Viele Medienvertreter*innen und Politiker*innen fragten sich rückwirkend in diesem Zusammenhang, ob sie sich zu weit von den Sorgen und  Lebenswelten des „kleinen Mannes“ entfremdet hätten. Gleiches gilt für andere medial unterrepräsentierte Teile der Gesellschaft, deren Geschichten nur selten die angemessene Aufmerksamkeit geschenkt wird. Erinnern wir uns zurück an die Black-Lives-Matter-Proteste, die nach dem Mord an George Floyd auch nach Europa schwappten. Völlig überrascht schienen viele darüber zu sein, dass Alltagsrassismus noch immer ein alltägliches Problem unserer Gesellschaft ist.

Ein multiperspektivisches Mosaik

Die Beispiele zeigen, dass auch hierzulande vieles geschieht, was außerhalb unseres kollektiven Wahrnehmungshorizonts stattfindet. Das Bewusstsein dafür wäre sicherlich schon Grund genug, ein ergänzendes mediales Angebot zu schaffen. Dabei ist unser Antrieb keinesfalls als medienkritisch zu lesen. Wir wollen keine Gegenöffentlichkeit schaffen oder uns inhaltlich festlegen. Aus unserer Sicht ist auch die kleinste Geschichte ein Teil der großen Erzählung dieses Landes. Ohne dabei die großen Stories außer Acht zu lassen, ordnen diese sich auf @everyday_germany zwischen fotografischen Randnotizen und visuellen Alltagsbeobachtungen ein und verschmelzen zu einem multiperspektivischen Mosaik. Unser Ziel ist es, über das Puzzle der Einzelbilder langfristig ein Deutschlandbild zu erschaffen, das dem Land in all seinen Facetten gerecht wird. Ob uns das gelingen wird, bleibt abzuwarten. Wir stehen ganz am Anfang der Erzählung. Dass uns die Themen nicht ausgehen werden, liegt auf der Hand: Das Alltägliche geschieht jederzeit und überall. Es ist kein Zufall, dass wir uns in diesem Jahr zusammengefunden haben, denn auf einmal finden wir alle das Alltägliche besonders – obgleich es das eigentlich schon immer war.

Foto: Florian Müller

Wir sehen uns als offenes kollaboratives Projekt, dessen Autor*innen sich mit ganz unterschiedlichen Inhalten fotografisch auseinandersetzen. Dabei sind unsere Bildsprachen vielfältig, unsere Ansätze und Zugänge zu unseren Themen äußerst unterschiedlich. Einige verstehen sich als klassische Reportagefotograf*innen, andere eher als künstlerische Dokumentarfotograf*innen. Uns eint, dass wir Überzeugungstäter*innen sind, die die fotografische Auseinandersetzung mit der Realität nicht scheuen. Die Bilder, die auf dem gemeinsam bespielten Account zu sehen sind, entstammen eigenen freien Projekten, aus Aufträgen oder sind eigens für @everyday_germany fotografiert. Durch unsere Arbeiten haben wir Einsichten, die wir mit anderen teilen wollen. Wir erleben Geschichten, die wir für erzählenswert halten. Jedes Bild, jeder Post erzählt etwas eigenes und erlaubt den Betrachter*innen neue Einsichten in das Alltägliche, das vermeintlich Banale, das oft viel spannender ist als uns bewusst ist.

 

Autor: Florian Müller

Der Account @everyday_germany wurde lange Zeit nur sporadisch genutzt. Fabian Weiss und Florian Müller haben im Frühjahr 2020 einen Neustart gewagt und weitere Fotograf*innen ins Boot geholt. Rund 20 gehören inzwischen zum Stamm, darunter Tamina-Florentine Zuch, Sonja Och und Rafael Heygster, die auch schon in Oldenburg zu Gast waren. In Zukunft soll es auch andere Beitragende geben, die über Takeovers den Account bespielen werden.

 

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Gastautor*in

Wir lassen in unserem Magazin nicht nur unsere festen Teammitglieder, sondern auch Praktikant*innen und Fotograf*innen zu Wort kommen. Ihre Beiträge werden dann am Ende des Textes namentlich gekennzeichnet.

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